Tonleitern üben – magst Du Das?

Tonleitern? Was soll der Mist eigentlich? Ich will doch musizieren.

Fragst Du Dich das auch? Da möchtest Du Dir endlich einen Wunsch erfüllen und auf einem Streichinstrument musizieren, und dann das. Du willst Dir doch was Gutes tun. Du willst doch musizieren, lebendig spielen, am besten mit Gleichgesinnten zusammen.

Und jetzt?- Tonleitern üben?

Ja, an dieser Stelle stehen wir alle irgendwann einmal. Und keiner kann mir erzählen, dass Tonleitern so viel Spaß beim Üben machen, dass man dies als Selbstzweck gerne betreibt.

Aber, wenn man sie kann, dann machen sie schon Vergnügen.

Kennst Du dieses Bild? Der Schüler sitzt im Unterricht und spielt zähneknirschend seine Tonleiter vor, während sie der Lehrer mit einem Lächeln auf den Lippen wesentlich eleganter und schneller zum Besten gibt.

Ja, wer Tonleitern spielen kann, dem fallen sie auch leicht. Aber dahin ist eben ein Weg.

Aber warum jetzt Tonleitern üben?

Tonleitern entspringen zunächst einmal der Analyse von Musik und deren Abläufen auf den verschiedenen Instrumenten. Es ist nicht gerade eine sehr lebendige Disziplin, Musik zu analysieren und daraus Gesetzmäßigkeiten heraus zu filtern. Von der Lebendigkeit der Musik bleibt im Grunde nichts übrig als das „Knochengerippe“ mit seinen technischen Gesetzmäßigkeiten die daraus abzulesen sind.

Aber wohin man auch schaut in der musikalischen Literatur, man findet Elemente von Tonleitern in jedem Stück. Das ist einfach so. Und so kamen Geiger, Cellisten u.s.w. (und übrigens die Spieler quer durch alle Musikinstrumente) auf den Trichter, dass man diese Dinge am Instrument systematisch betrachten und einüben sollte.

Ich selbst bin als Lehrer mit meinen Schülern auch immer ein wenig zwiegespalten mit diesem Thema.

So bitte nicht!

Gegen einen Gedanken dahinter wehre ich mich ganz massiv. Nämlich gegen den, dass man zuerst die Tonleitern können müsse, bevor man sich an andere Dinge wagen kann.

So ähnlich hab ich leider den Beginn meines eigenen Spiels auf der Geige und später auch auf dem Cello begonnen, und das hat mir viele frustrierte Stunden bereitet.
Teilweise durch Anleitung meiner Lehrer, teilweise durch selbst aufgebaute „Überzeugung“ habe ich massenweise Fingerübungen, Tonleitern und so weiter geübt, und bin kaum zu guten Stücken gelangt. Und das lag immer an dem Hintergedanken, dass man erst dies und jenes können müsse, bevor man sich an die schönen Stück wagen dürfe.

Dabei kann man durchaus das eigentliche Ziel vor Augen verlieren.

Vielleicht war in den 70er Jahren dieses Gedankengut noch so sehr in den Köpfen der Instrumentallehrer. Das mag sein, Spaß hat es jedenfalls nicht gemacht.
Und daher verstehe ich auch die vielen Schüler, die sich genau dagegen wehren.

Auf der anderen Seite: ich will ich es einmal so ausdrücken:

Nehmen wir zum Beispiel einen Fußballer. Seine Tätigkeit besteht aus Fußballspielen. Logisch!
Aber glaubst Du, er würde sich auf seine Spiele immer nur dadurch vorbereiten, dass er – Fußball spielt?
Nein, er hat erkannt, dass er da ganz verschiedene Teilbereiche trainieren muss, um am Ende eine gute Leistung abrufen zu können.

Als absoluter Fußball – Laie, will ich es einmal versuchen:

  • Er muss laufen können.
  • Er muss die Ballannahme beherrschen.
  • Er sollte gezielt schießen können.
  • Er sollte kraftvoll schießen können.
  • Er muss dribbeln können.

Und die Liste ließe sich bestimmt noch fortsetzen….

Und was macht der Fußballer? (übrigens auch der Hobby-Fußballer)

  • Er läuft sich warm.
  • Er übt Elfmeter Schüsse,
  • Er übt die Ballannahme

Und er weiß, dass er diese ganzen „Teilfähigkeiten“ braucht, wenn es drauf ankommt.

Und Du?

Wenn Du nun ein Musikstück spielst, dann hast Du es mit dem Greifen von Tönen zu tun, und zusätzlich gebrauchst Du Deinen Bogen, genau zum Greifen koordiniert. Außerdem willst Du Deine Melodie so ausdrucksvoll gestalten, wie Du kannst. Eine Melodie hat einen ganz bestimmten Charakter, den Du finden und zum Ausdruck bringen willst.
Glaubst Du im Ernst, Du kannst das, wenn Du noch mit der Frage beschäftigt sind, welcher Finger jetzt auf welcher Saite stehen muss, während Du die Melodie gestalten willst?

Nein, diese Dinge solltest Du dann so gut es geht hinter Dich gebracht haben. Und dazu dienen eben beispielsweise unsere Tonleitern. Mit Ihnen lernst Du Dich auf dem Griffbrett auskennen. Du findest dank der Tonleitern mühelos Deine Töne auf dem Griffbrett. Du spürst genau, wie sich jeder Ton spielt, wie die Saite bei jedem Ton unter dem Bogen anspricht. Und Du musst vor allem nicht mehr darüber nachdenken, warum da jetzt welcher Finger wo steht. Dies alles sackt zum Glück dank der Tonleitern und Übungen in Dein Unterbewusstes ab, und liegt dort als Fähigkeit bereit, jederzeit abrufbar.

Und so wirst Du frei zum Musizieren. Das ist, meine ich, der Sinn hinter der Sache.

Und nun mein Plädoyer für Dich:

Übe Dich bitte nicht kaputt an Tonleitern! Lass Dich bitte in Gottes Namen nicht den Spaß an der Sache verderben. Das ist es nicht wert. Der Sinn des Musizierens ist der Hauptzweck, dafür spielst Du Dein Instrument.

Aber: Übe Tonleitern!

Betrachte sie als Grundlagenarbeit, die Dir die musikalischen Fähigkeiten erst aufschließt, damit Du Deine Intuition und Deine Musikalität wirklich auf das Instrument bringen kannst.
Übe vielleicht 15% Deiner Übezeit Tonleitern und Übungen. Wenn Du also eine Stunde Zeit zum Üben hast, verwende maximal 10 Minuten auf Tonleitern und ähnliche Übungen. Das muss genügen! Beginne nicht mit der Tonleiter. Mach Dich erst mit einem Stück oder eine Passage warm, die Du schon kannst und mit der Du ins Spielen hinein findest.
Und dann: Tonleiter! (wie gesagt nicht mehr als 10 Minuten)

Zum Beispiel übst Du sie so:

Versuche einmal mit Deinem Bogen so zurecht zu kommen, dass Du ihn über 4 Taktschläge (vielleicht MM 60, also wie der Sekundenzeiger Deiner Uhr) vom Frosch bis zur Spitze durchziehst. Sieh dabei zu, dass Du wirklich am Frosch beginnst und wirklich an der Spitze endest. (Normalerweise lassen meine Schüler zunächst oben und unten etwas 10 cm „Schutzzone“ frei, an der der Bogen unbenutzt bleibt)
Nein, fordere Dich wirklich, den Bogen komplett auszunutzen. Und jetzt versuche bei diesem relativ langsamen Strich, den Ton schön klingend aufrecht zu erhalten. Das schaffst Du dadurch, dass Du die Kontaktstelle wählst, an der Du mit nur geringem Armgewicht die Saite anstreichen kannst, sie aber so träge geht, dass du gerade so mit dem Bogen in der vorgegebenen Zeit ans Ziel kommst.

Merkst Du? Das ist schon eine Herausforderung, mit der man sehr viel Gespür für den Bogen und für sich selber bekommen kann. Und darum geht es letztlich: um das Gespür für das, was Du mit dem Bogen auf der Saite anstellst. Und mit diesem Gespür kannst Du dich am Ende beim Streichen auch noch sehr wohl fühlen.

Aber wie gesagt. Das ist ein Weg, den man beschreiten muss, aber den zu beschreiten es sich ganz bestimmt lohnt.

In diesem Sinne: ein frohes Musizieren wünscht Dir

Felix Seiffert

6 Kommentare

  1. Ja, lieber Felix, Du wirst es nicht glauben – ich mag Tonleitern! Vor jedem Übe-Beginn stehen eine oder zwei Tonleitern aus dem Quintenzirkel auf dem Programm. Manche versuche ich über 4 Oktaven zu spielen z. B. A- oder F-Dur. Was bringt mir das Ganze? Ich konnte feststellen, mein Gehör wird feiner, und die Töne treffe ich immer besser.
    VG
    Ulrich

    • Felix Seiffert
      Felix Seiffert

      Hallo Ulrich,

      ich gebe Dir Recht: Tonleitern können Spaß machen. Der Titel des Artikels war ja auch etwas provokant gewählt. Was mich immer wieder fasziniert ist die Leichtigkeit, die dadurch entstehen kann. Und die kommt nicht nur vom körperlichen Training; die kommt auch von dem Überblick über die Fingersätze und die „Landkarte“ von Tönen, die sich beim Üben immer mehr auf dem Griffbrett erschließt.

      herzliche Grüße

      Felix

  2. Annamaria Schön

    Im Ensemble können Tonleitern sehr hilfreich sein, damit alle zusammenfinden und ihre Intonation aneinander anpassen. Aber mir hilft es vor allem, wenn man gemeinsam Tonleitern übt und dabei auch auf den Strich achtet, ihn also an der Tonleiter so übt, wie er später auch im Stück vorkommt

    • Felix Seiffert

      Hallo Annamaria,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich kann das bestätigen. Wir verwenden im Workshop manchmal Tonleitern um uns einzuspielen. Es ist in der Tat so: man kommt leichter in die Bewegung, als wenn man sie alleine spielt. Man gleicht die Intonation an. Man achtet gegenseitig auf den Strich; besser gesagt: man fügt sich der Mehrheit. Es geht insgesamt leichter als alleine.

      Trotzdem möchte ich Dich ermuntern, das schwere Geschäft auch alleine durchzuführen. Du erreichst noch einmal eine andere Stufe Deines Spiels, wenn Du ganz alleine auf Deine Intonation achtest, Töne mit leeren Saiten vergleichst und so eine klare Vorstellung über die Lage der Töne auf Deinem Instrument findest.

      ganz herzliche Grüße

      Felix

  3. Mein Cellolehrer ist da zum Glück auch sehr entspannt. Wir spielen Sonaten und nebenbei ermutigt er mich immer wieder auch die Tonleitern zu üben. Ich finde sie auch sehr wichtig – wenn auch nervig :D, denn man kann sich nicht nur auf die Technik konzentrieren sondern bekommt auch ein besseres Gehör für die einzelnen Töne und kann sie sich leichter einprägen. So merke ich dann recht schnell, wann ich wieder einmal daneben liege beim Greifen 🙂

    Toller Beitrag! Vielen Dank 🙂

    • Felix Seiffert

      Ja, entspannt zu bleiben bei dem Thema ist bestimmt die beste Wahl. Man muss es nicht übertreiben, aber es stimmt schon: du lernst die Töne Deiner Tonart besser kennen. Du lernst sie hören und Du lernst auch, die Töne mit dem Bogen klangvoll hervor zu holen. Immerhin streicht sich jeder Ton anders. Am Ende bekommst du einfach ein Gefühl für die Tonart.

      herzliche Grüße
      Felix

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