Geige lernen – die Sache mit dem „geraden“ Streichen

Wie oft haben sie es schon gehört? Wenn man Geige, Bratsche, Cello oder Kontrabass lernen will, muss man zusehen, dass man gerade streicht. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Viel Aufhebens wird um die Sache gemacht, und es sieht doch so einfach aus, wenn man einem geübten Spieler zusieht. Man streicht mit dem Bogen über die Saiten, und der Bogen steht immer im 90 grad Winkel zu ihnen. Das ist der ganze Zauber.

Und dann versucht man es selber und denkt sich: „ach wenn es doch so einfach wäre, wie es aussieht“!

Was hat es denn damit überhaupt auf sich?

Ganz allgemein kann man sagen, dass eine Saite auf einem Instrument aufgespannt ist, und je nachdem wie man es hält, hat sie damit eine bestimmte Längenausrichtung. Bei der Geige beispielsweise ist die Saite mehr oder weniger waagrecht ausgerichtet. Beim Kontrabass eher senkrecht.

Nun kann man sich vorstellen dass das Streichen am besten funktioniert, wenn die Saite genau quer zu ihrer Längenausrichtung angestrichen wird. (Da sie ja in eben dieser Richtung auch schwingt) Und genau darum geht es.

Und hier stellen sich zwei Probleme.

Erstens sind unsere Arme an der Schulter angewachsen und damit zunächst geneigt, eine eher kreisförmige Bewegung zu vollziehen als eine gerade. Das klingt vielleicht unlogisch, ist auch etwas überspitzt ausgedrückt, sind wir doch allerorten in der Lage unsere Gliedmaßen so zu bewegen, dass wir beispielsweise eine gerade Linie auf einer Tafel aufzeichnen können und vieles mehr. Schließlich besteht unser Arm ja aus verschiedenen Teilen, die durch Gelenke beweglich miteinander verbunden sind.

Daher wiegt weit schwerer die zweite Sache, dass wir nämlich als Spieler unsere Bewegung nicht richtig beobachten können, beziehungsweise die Ausrichtung unseres Bogens. Sie könnten sehr schön sehen, ob der Bogen quer über das Instrument streicht, wenn Sie von oben auf das Instrument schauen würden. Aber aus dem Winkel Ihrer Spielerposition heraus ist die Sache schwieriger. Hier müssen Sie ein ganz bestimmtes Bewegungsgefühl, mit der Sichtweise aus Ihrer Spielposition heraus kombinieren. Und dies ist wirklich eine der Herausforderungen, wenn man Geige, oder ein anderes Streichinstrument lernen will.

Für diesen Zweck hat sich der Geigenprofessor Paul Rolland eine Übung ausgedacht, die ich Ihnen hier vorstellen will. Sie ist so bestechend einfach, dass ich immer wieder staune, wie sie bei jedem Anfänger funktioniert. Und sie ist mit einfachen Hilfsmitteln zu realisieren. Sie brauchen dazu noch nicht einmal ein Instrument.

Alles, was Sie brauchen ist ein etwa ein Meter langer Holzstab (Durchmesser 0,8 bis 1 cm) und eine Pappröhre. Außerdem sollten Sie wissen, wie man einen Bogen hält.

Schauen Sie doch einmal im Video, da wird es erklärt.

Am Ende sei noch einmal betont: Bitte halten Sie die Röhre ruhig und in der richtigen Ausrichtung. Nur so wird gewährleistet, dass Sie wirklich die richtige Armbewegung einüben.

Machen sie sich keinen Stress, dass Sie sich jetzt diese Bewegung beim Üben genau „merken“ müssen. Es braucht einfach einige Wiederholungen an mehreren Tagen hintereinander. Ihr Arm merkt sich sich Bewegung ganz von alleine, darauf können Sie voll vertrauen.

Gehen Sie nach der Übung immer wieder ans Instrument und versuchen Sie wieder zu streichen. Sie werden mit jedem mal sehen, wie das Streichen leichter geht. Sehen Sie einmal Ihrem Bogen zu. Wenn Sie es schaffen, wirklich gerade zu streichen, dann wird Ihr Bogen im Strich genau die Kontaktstelle halten. Mit anderen Worten: Der Bogen wird den Punkt, an dem er auf der Saite liegt, beibehalten, also genau genommen den Abstand zum  Steg des Instruments.

Viel Vergnügen beim Üben wünscht Ihnen

F. Seiffert

8 Kommentare

    • Felix Seiffert
      Felix Seiffert

      Ja, ja, einfache Übungen sind manchmal die wirksamsten.

      viel Erfolg und vor allem viel Freude damit.

  1. Michael Görg
    Michael Görg

    Evtl. ergänzender Hinweis:
    Beim Streichen kann man sich auch selbst in einem passend angebrachten Spiegel beobachten.

    • Avatar
      Felix Seiffert

      Hallo Michael,

      vollkommen richtig. Bei der Geige geht es relativ gut mit einem Spiegel, den man seitlich stellt. Da das Instrument nahezu waagrecht gehalten wird, sollte dann der Bogen im Spiegel auf einer senkrechten Linie laufen.

      herzliche Grüße

      Felix

  2. Avatar

    Lieber Felix,
    Ich meine gemerkt zu haben dass man beim Geigespielen den Bogen etwas anders „winkelt“ als beim Cellospielen. Und das liegt meiner Ansicht nach an der umgekehrten konischen Lage der Saiten. Irre ich mich dabei?
    Vielen Dank für gute Ratschläge!

    C

    • Avatar

      Hallo Cornelia,

      der Grund ist viel einfacher. Du hältst die Geige einfach anders herum als das Cello. Die Bogenhaare zeigen einfach immer zum Steg, das macht klanglich Sinn.

      viele Grüße

      Felix (und Danke für Deine vielen Kommentare)

  3. Avatar

    Lieber Herr Seiffert, danke für diesen Blog. Die Sache mit der Papprolle ist super – vor allem, weil sie einen erstmal aus dem Kontext mit dem Instrument nimmt.

    Als Alexander-Technik-Lehrerin die mit Cellisten arbeitet eine dringende Bitte: Der Arm ist nicht an der Schulter angewachsen! Dieser weit verbreitete Glaubenssatz schränkt enorm die Beweglichkeit ein. Der Arm hat eine gelenkige Verbindung am Brustbein zum Torso und muskuläre zum ganzen Rücken. Wenn das Schlüsselbein wieder gedanklich zum Arm gehören darf, bekommt das Schultergelenk einen größeren Bewegungsspielraum.

    Als Cello-Anfängerin gefällt mir Ihre einfache und ermunternde Erklärweise sehr! Meine Erfahrungen berichte ich hier: http://blog.leicht-bewegen.de/?s=cello&submit=Suchen

    Nochmal vielen Dank! Stefanie Buller

    • Avatar

      Liebe Frau Buller,
      vielen Dank für den wichtigen Hinweis.

      Natürlich haben Sie recht: Der Arm beginnt am Schlüsselbein. Und damit ist schon die Schulter ein bewegliches Teil des Arms.

      dies wird die oben beschriebene Übung umso besser möglich machen.

      Herzlichst
      Felix Seiffert

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