BogenBalance 2011 Ein Rückblick auf ein Jahr gemeinsamen Lernens

Geneigter Leser,

Im November 2010 fand der letzte Workshop für Anfänger statt. Ein Wochenende lang kamen die Teilnehmer zusammen, um sich als absolute Neulinge mit dem Umgang mit den klassischen Streichinstrumenten zu beschäftigen. Ein gewagtes Unterfangen, möchte man meinen.

Wie kann es sein, dass man auf einem Instrument, das normalerweise jahrelang mühsam studiert werden muss, innerhalb eines Wochenendes Musik machen kann? Und vor allem: wie kann es sein, dass man gleich zu Beginn gemeinsamen musizieren kann?

Ich glaube, wir machen uns zu sehr die Vorstellung, Musizieren, wäre nur möglich, wenn man sehr viele trockene Übungen hinter sich, und sich somit sein Können „hart erkämpft“ hat. Einerseits sind wir mit diesen Vorstellungen aufgewachsen, andererseits ist der Tatsache auch nicht zu widersprechen, wenn man an die Höchstleistungen denkt, die in unserem heutigen Konzertleben geboten werden. Natürlich sind die Anforderungen an professionelles Instrumentalspiel enorm hoch und für jemanden, der nicht in frühester Jugend mit seinem Instrumentalstudium anfängt, kaum zu stemmen.

In meiner Jungend führte das dazu, dass genau diese Glaubensmuster meine Vorstellung von einem Erlernen des Streichinstrumentes beherrschten. Eine der ersten Aussage, die ich bei meinem frühen Geigenunterricht erfuhr, war: „dass es anstrengend wird, dass man viel und ausdauernd üben muss, dass es eine ganze Weile nicht schön sein wird, dass es kratzen wird“ und so weiter. Für mich waren das schon früh Signale, die die im Grunde von Vornherein das Lernen und die Freude daran nur erschwerten.

Aber erlauben Sie mir die Frage: Ist es wirklich das, was wir wollen? Wollen wir uns in fortgeschrittenem Alter wirklich mit den ganz Großen des Musiklebens messen? Ist das professionelle Niveau für uns auch das Maß aller Dinge? Wollen wir nicht vielmehr selbst erleben, was es bedeutet, zu musizieren? Ist es nicht unser eigentliches Interesse, Musik nicht nur hörend zu genießen, sondern selbst zu erleben, wie es ist, Musik zu machen?

Ich möchte einmal eine kühne Behauptung ins Spiel bringen: „Wenn es möglich ist, dass alte Menschen beginnen, Sport zu machen und beispielsweise zu Läufern werden, wieso sollte es dann nicht möglich sein, als Erwachsener ein Streichinstrument so weit zu lernen, dass man eine Symphonie von Haydn oder Beethoven, oder vergleichbare Kammermusik spielen kann.“ Dies habe ich des Öfteren bei Schülern erlebt, und es war für mich immer ein freudiges Erlebnis, zu sehen, mit welchem inneren Schwung diese Leute an die Sache heran gingen.

Und so war es der Grundgedanke des Workshops: genau dies anzuregen. Lust zu machen auf das Musizieren, die Scheu zu nehmen, und natürlich dem einzelnen Teilnehmer die Gelegenheit zu geben, so ein Instrument einmal auszuprobieren. Und damit gleich von Vornherein das zustande kommt, was man ja eigentlich will, nämlich das gemeinsame Musizieren mit Gleichgesinnten; machten wir es von Anfang an. Dies funktioniert, wenn man sich genau überlegt, welche Stücke man spielen kann. Es gibt bestimmte Aspekte, die man in einem Wochenendworkshop sehr schnell aufnehmen kann. Und wenn man sich mit der Auswahl der Musikstücke auf diese Dinge beschränkt, dann steht einem gemeinsamen Musizieren auch am Anfang nichts im Weg.

Das Wochenende selbst war dann reich an Anregungen und Erfahrungen. Man macht es ja nicht alle Tage, dass man sich in ein vollkommen neues Thema begibt, und das gleich in der Gruppe. Jedenfalls haben 12 Teilnehmer es gewagt und innerhalb eines Wochenendes die ersten Grundlagen auf einem Streichinstrument zu erwerben. Das war natürlich ein absoluter Crashkurs. Zusammengepackt auf ein Wochenende haben wir Dinge angesprochen und angelegt, die sonst durchaus einmal 7-8 Unterrichtswochen im Einzelunterricht benötigen. Dies war körperlich überhaupt nur durch zu halten, weil die Unterrichtseinheiten immer wieder von Pausen durchzogen waren, und weil das Thema auf unterschiedlichste Weise angegangen wurde.

So gab es Phasen, in denen reine Körper- und Balanceübungen ohne Instrument gemacht wurden. An anderer Stelle wurde ein kleiner Lehrgang zum Thema Rhythmusschule durchgemacht. Vornehmlich wurde natürlich mit dem Instrument gearbeitet; zunächst an der Haltung, dann an der Strichtechnik, und schließlich am Greifen der Töne. Das Ganze gipfelte dann im gemeinsamen Spiel, das mit ein paar einfachen aber anregenden Stücken durchwegs gut gelang. Das herausragende Erlebnis ist es dabei immer, wenn zum ersten Mal mehrstimmig gespielt wird, und das gleich nach ein paar Stunden am ersten Wochenende.

Nun geht man nach diesem anregenden Wochenende voller Input und viel neuen Erfahrungen im Kopf nach Hause. Allerdings kann das, was so kurz und bündig angelegt ist, auf Dauer nur dann zu einer Fähigkeit reifen, wenn sie nicht durch kontinuierliche und dauerhafte Übung und etliche Wiederholungen ins Unterbewusstsein sacken kann.

Aus diesem Grund mündete dieser erste Workshop in eine Phase, in der anhand eines Arbeitsheftes zu Hause privat geübt wurde. Unterstützt wurde diese Eigenarbeit von mir durch „Hausaufgabenmails“ die in gewissen Abständen Anregungen und Aufgaben für das eigene Üben brachten. Eine einfache Liste zur Selbstkontrolle ergänzte diese Unterstützung und wurde von denjenigen, die die Arbeit am Instrument weiter treiben wollten gerne angenommen.

Und so kam es dann in gegenseitiger Absprache dazu dass sich die Gruppe insgesamt noch an fünf Tagen wieder traf und immer ein Stück weiteren Stoff, sowie weitere Stücke durchnahm. Als dann Anfang November der erste Workshop ein Jahr zurück lag, war bei den Cellisten immerhin die zweite Lage erreicht, und im Kontrabass war man bereits in die dritte Lage vorgedrungen. Insgesamt waren die Spieler in der Lage, sich Stücke recht ordentlich selbst anzueignen, und der gemeinsame Klang hat sich zu einem sehr ansehnlichen kammermusikalischen Ton gemausert. Insgesamt ein ansehnliches Ergebnis, sollte man meinen. Ich bin ja gespannt wohin unsere gemeinsame Reise noch führt.

Vielen herzliche Dank an Euch Teilnehmer, die Ihr diesen Weg gewählt habt und dieses Wagnis unternommen habt, ein solches Hineinwachsen ins Instrumentalspiel gemeinsam zu unternehmen.

Felix Seiffert

3 Kommentare

  1. Avatar

    Lieber Herr Casutt, vielen Dank für Ihren Kommentar,

    sehen Sie, da haben Sie mich als unerfahrenen Blogger ertappt, der so wichtige Informationen wie den Unterrichtsort in einem Posting vergisst. Vielen Dank für den Hinweis!
    Es ist so, das bisher die Workshops in Augsburg stattfinden. Sehen kann man das auf der Website des Workshops, die oben im Blog verlinkt ist.

    Der Workshop für Anfänger ist tatsächlich so ausgelegt, dass er ohne jede Vorkenntnis besucht werden kann. Dies ist vollkommen beabsichtigt, und sämtliche Lerninhalte sind so konzipiert, dass Eins ins Andere greift, und am Ende die Erfahrung des zwar einfachen, aber doch ernsthaften Musizierens in der Gruppe steht.

    Ihre Bedenken, evtuell ein Hemmschuh für die Gruppe zu sein, kann ich verstehen. Nicht immer ist der Lernfortschritt bei allen Teilnehmern in allen Teilbereichen des Lernens im gleichen Tempo, und so muss man dem damit begegnen, dass man beispielsweise verschiedenen Teilnehmern auch verschiedene Aufgaben im Zusammenspiel gibt.
    Wenn man sich dann als Teilnehmer nicht scheut, sich zu zu gestehen, dass es zum Beispiel für ihn am vorteilhaftesten ist, jetzt im Moment die etwas einfachere Stimme zu spielen, dann kann ein solches Ungleichgewicht immer noch zur Zufriedenheit aller Teilnehmer ganz gut ausgeglichen werden.

    mit besten Grüßen
    Ihr Felix Seiffert

  2. Avatar

    Doch, einige müsste noch geklärt werden, wo finden solche Wochenende statt?
    Allein die Aufmachung ist ja super, wer kann oder besser darf da mitmachen?
    Ich hab mein Cello, es fehlt mir an Wissen, es fehlt mir an Können, bin Laie, die Sympathie zum Instrument allein reicht halt doch nicht.
    Wirklich auch für Anfänger, einen Flopp könnte ich schwer verarbeiten.
    (Rentner nehmen solche Sachen nicht auf die leichte Schulter, denn wir können doch ein Hemmschuh für die andern Teilnehmer sein.)

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