Die Haltung von Geige und Bratsche

Wenn Du Geige oder Bratsche lernen willst, solltest Du Dir in deiner Haltung des Instrumentes vor allem die Beweglichkeit bewahren. Dies ist die wichtige Grundvoraussetzung für alles, was Du mit dem Instrument vor hast.

Stell Dir das Bild eines Geigers vor, wie er das Instrument unter dem Kinn hält, wie er sozusagen mit dem linken Arm unter dem Instrumente hindurch greift und die Hand am Hals platziert.

Diese Haltung liegt schon im Grenzbereich der Beweglichkeit des Greifarms. Viel weiter kannst Du Deinen Arm nicht mehr verdrehen. Kannst Du Dir vorstellen, dass wir uns jetzt darum kümmern sollten, dass Du in dieser Grundhaltung beweglich bleibst?

Was sagt Dein Körper?

Zunächst einmal ist es wichtig, dass Du Dich in eine bewegliche und aufrechte Grundposition begibst.
Spüre bitte etwas in Dich hinein:

Stehst Du aufrecht?
Ist Dein Gewicht auf beide Beine verteilt?
Atmest Du frei in den Bauch hinunter, sodass sich Dein Unterbauch beim Einatmen leicht wölbt?
Wie stehen Ihre Schultern? Hängen sie nach vorne, oder liegen sie entspannt über dem Brustkorb, wie es sich aus einer wirklich aufrechten Körperhaltung ergibt?

Versuche bitte nicht krampfhaft aufrecht zu stehen. Auch dieses würde Dich wieder behindern, eine geeignete Grundhaltung einzunehmen.
Wichtig ist, dass Du mit Deiner Aufmerksamkeit in Deinem Körper bist und einfach spürst, wie Dein körperlicher Zustand ist. Deine Aufmerksamkeit selbst ist schon der größte Helfer dabei, Dich frei und entspannt zu bewegen.

Wenn Du jetzt gleich das Instrument wie unten beschrieben, in die Hand nimmst, wirst Du vielleicht merken, dass die Stellung Deines Greifarms zunächst etwa unbequem ist. Und dieses Unbequeme führt eventuell dazu, dass Du Deine Wahrnehmung der Körperteile, die sich gerade verspannen, ausblendest. Du bekommst es einfach nicht mehr so genau mit, was hier eigentlich die Ursache für deine Verspannung ist. Du merkst nur, dass etwas unangenehm ist.

Willst Du aber zu einer guten Beweglichkeit in diesen etwas unbequemen Stellungen kommen, solltest Du aber gerade dort Deine Aufmerksamkeit hinlenken.

Spürst Du beispielsweise ganz bewusst in eine Körperpartie hinein, wird Dein Atem dieser Partie mittels des Blutkreislaufs ganz von alleine wesentlich mehr Sauerstoff zukommen lassen, als vorher. Und genügend Sauerstoff ist die Grundlage für eine gute Grundspannung Deiner Muskeln. Diese Grundspannung ist nicht zu verwechseln mit Verspannung. Muskeln sind weder bei Erschlaffung noch bei Verspannung voll beweglich. Sie brauchen eine Grundspannung um vernünftig arbeiten zu können.

Du merkst schon: es ist gar nicht so wichtig, bestimmten Vorgaben zu entsprechen. Wichtig ist Deine Wahrnehmung. Nimm einfach nur wahr, wie es sich in Deinem Körper anfühlt. Das ist die wichtigste Voraussetzung wenn Du jetzt eine anatomisch sinnvolle Geigenhaltung einnehmen willst.

Die Haltung

Sieh dir einmal das folgende Video dazu an. Und bitte wundere Dich nicht: es ist älteren Datums, und Du wirst noch per „Sie“ angesprochen. Ich habe es aber in dem Zustand gelassen, weil es fachlich immer noch aktuell.

 

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Ich hoffe, Du nimmst es mir nicht übel, dass ich im Video immer wieder von der Geigenhaltung spreche und eigentlich gar nicht von der Bratsche. Im Prinzip besteht hier aber auch kein wirklicher Unterschied. Die Bratsche ist nur etwas größer und einige Gramm schwerer. Ansonsten wendest Du aber bitte ganz genau die Geigenhaltung auch auf dieses Instrument an.

Wenn Du nun das Instrument in die Hand nimmst, dann lege es auf Deine linke Schulter. Vorher hast Du bereits die Schulterstütze am Instrument angebracht.

Wenn nun das Instrument auf der Schulter liegt, ist Folgendes wichtig: Bitte ziehe die Schulter nicht hinauf, das Instrument soll auf der ganz natürlich gehaltenen Schulter liegen. Eine hoch gezogene Schulter beeinträchtigt enorm die Beweglichkeit Deiner Finger, mit denen Du ja in Bewegungsfreiheit die schönsten Läufe auf Deinem Griffbrett meistern willst.

Wenn nun das Kinn dazu kommt um die Geige zu halten, dann lass den Kopf nur mit seinem eigenen Gewicht auf dem Kinnhalter stützen. Jegliches Drücken solltest Du vermeiden.

Dies ist allerdings nur dann möglich, wenn Deine Schulterstütze auf die Höhe eingestellt ist, die zu Deiner Statur passt. Der Abstand von Kinnhalter und Schulterstütze sollte in etwa so groß sein wie Deine Halslänge. Wenn Du die Schulterstütze richtig eingestellt hast, wirst Du das Gefühl haben, Deine aufrechte Grundhaltung nicht verlassen zu müssen, wenn Du das Instrument hältst.

Zwei Varianten der Haltung

In dieser Grundhaltung hast Du nun zwei Möglichkeiten, das Instrument zu halten. Du hältst es einerseits mit dem Kinn. Durch die Position des Kinnhalters am Instrument entsteht ein Hebel, der es ermöglicht, das Instrument ohne viele Mühe in waagrechter Stellung zu halten. In dem Moment, wo Du dies tust, ist Dein Arm frei für Verschiebungen auf der Griffbrett und sonstige Aktionen, die größtmögliche Bewegungsfreiheit notwendig machen.

Auf der anderen Seite hast Du die Möglichkeit, das Instrumente mit dem Arm zu halten, und so Dein Kinn wieder zu entlasten. Beide Möglichkeiten der Haltung bedingen sich gegenseitig. Mal wird die eine, mal die andere mehr gebraucht.

Die Beinarbeit

Sobald Du das Instrument hoch nimmst, kommt allerdings noch eines hinzu. Du gerätst ganz leicht ins Ungleichgewicht, da Du mit dem linken Arm ja hinaus greifst. Stell daher den linken Fuß etwas nach links vorne, bis Du das Gefühl hast, jetzt wieder im Gleichgewicht zu stehen. Vielleicht bemerkst Du zunächst den feinen Unterschied im Körpergefühl gar nicht. Aber versuch es ruhig öfter einmal. Du wirst bald merken, wie Du Dich in dieser Haltung einfach sicherer fühlst, wenn der linke Fuß leicht nach vorne links geht. Ich denke, dabei geht es etwa um eine halbe bis eine Fußlänge.

Am Besten, Du gewöhnst Dir an, den Fuß jedes Mal automatisch nach vorne zu stellen, wenn du die Geige (oder Bratsche) hoch nimmst. Probier es doch einmal aus. Du nimmst das Instrument hoch und gleichzeitig geht den Fuß unter dem Greifarm nach vorne. Wenn Du Dieses einige Male machst, wird es Dir selbstverständlich werden. Dann hast Du es Dir als Übung angeeignet.

Und damit hast Du Dir jetzt die Grundlage gelegt, um Deine ersten Striche auf dem Instrument zu versuchen.

Aber das wird Thema eines weiteren Artikels sein. Vorher sollten wir uns aber auch noch mit der Haltung des Bogens befassen. Wenn Du gleich von vornherein eine Gute Handstellung am Bogen einnimmst, wirst Du merken, dass Du damit die andere wichtige Grundlage für Dein bewegliches Spiel am Instrument legst.

herzliche Grüße

Felix Seiffert

6 Kommentare

  1. Johanna Thewanger

    Lieber Herr Seifert,
    ich, 50 Jahre,lerne seit 12 Jahren Kontrabass am Konservatorium,und habe zu Beginn der Pandemie aufgehört Unterricht zu nehmen.( habe nur zu Hause gespielt, nie im Orchester…eine Basis ist vorhanden, mehr nicht)
    Im Februar 21 hat es sich zufällig ergeben dass ich 30 Minuten Unterricht pro Woche bekommen habe bei einer Bratschistin am Konservatorium in Österreich.
    Es macht mir unglaubliche Freude, nur es wundert mich doch dass es nicht schon viel besser klingt, dachte das ist ja auch ein Streichinstrument und es wird zackig gehen, von wegen…… Ihre Tipps bzgl. üben finde ich sehr hilfreich und beruhigend und eine tolle Ergänzung zu meinem Unterricht.
    Irgendwann möchte ich in einem kleinen Hobby Ensemble mitspielen können, das ist mein Ziel. Die Bratsche ist ja auch wesentlich einfacher zum transportieren als mein schöner Kontrabass. ( 3/4 Bass mit halber Mensur) ich bin ein zartes Persönchen.
    Ich möchte gerne Notenhefte und Etüden für Anfänger bei Ihnen bestellen, geht das?
    Herzliche Grüße Johanna

    • Felix Seiffert

      Guten Tag Frau Thewanger,

      Schön, dass sie ein so neues Instrument in die Hand nehmen. Ich kenne das auch gut. Ich bin als Kind von der Geige auf das Cello umgestiegen, und später habe ich dann die Ausbildung zum Lehrer für Streicherklassen gemacht, was mich dann in den Ansätzen zu allen vier Instrumenten gebracht hat. Bei der Umstellung von Kontrabass auf die Bratsche müssen Sie meiner Ansicht nach etwas Geduld mitbringen. Der Bass hat eine ganz andere Greifweise. Die Saiten sind in Quarten gestimmt und die Bratsche wie alle anderen Streichinstrumente der Geigenfamilie in Quinten. Und hier muss man gewaltig umdenken. Auch haben Sie es jetzt mit verschiedenen Abständen zwischen den Fingern zu tun und lernen „Griffarten“. Das ist wirkliches Neuland für Sie und das braucht einfach etwas Zeit. Auf der anderen Seite haben sie bestimmt auch gemerkt, wie schön leicht der bogen über die Saiten geht wenn man Bratsche spielt. Ich wünsche Ihnen bei dieser Umstellung viel Entdeckerfreude und dass Sie ein bisschen Geduld mitbringen. Das wird ganz bestimmt.

      Was nun Noten anbelangt: Leider ist BogenBalance kein Notengeschäft. Wir machen Workshops und teilweise (im Moment auf das Cello beschränkt) Onlinekurse. Bei Noten würde ich Sei gerne auf die einschlägien Geschäfte verweisen oder auf gut sortierte Online Notenhändler wie zum Beispiel: https://www.alle-noten.de/

      ganz herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  2. Ich kenne das von der Geige (ich bin Daueranfänger). Es gibt Tage, da fließen die Töne aus dem Instrument, so wie ich es will und es gibt Tage, da bekomme ich keinen geraden Ton zusammen. Das liegt natürlich zum größten Teil an mir. Aber ich habe einmal in einem kühlen Raum mit hoher Luftfeuchtigkeit auf meiner Carbongeige gespielt und da hatte ich das Gefühl, der Bogen würde an den Saiten kleben. Und gequiescht hat es furchtbar.
    An dem Abend hat im selben Raum ein richtiger Geiger gespielt und bei ihm hat alles gepasst. (Auch wie ich ihn probeweise mit meiner Geige spielen habe lassen.)

    • Felix Seiffert

      Lieber Norbert,

      in deinem Fall würde ich Dir dringend empfehlen: Lass Dir Deine Bogenhaltung, Deine Instrumentalhaltung einmal von einem Fachmann ansehen. Es ist hier im Blog schwierig zu beurteilen, an was es liegt. Aber bestimmt kannst du mit ein paar fachmännischen Hinweisen auf einen ganz anderen Stand kommen.

      herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  3. Marion Erben

    Lieber Herr Seiffert,
    jede Woche warte ich gespannt auf Ihre mail und freue mich, wenn es mir bei meinen Übungen weiter hilft.
    Ich habe seit Februar ein Mietcello, erst 6 Stunden bei einer Musikstudentin, keinerlei Vorerfahrungen und kann tatsächlich schon kleine Lieder spielen, d.h., die Noten der ersten Lage umsetzen.
    Das habe ich auch in großem Maße Ihnen zu verdanken, Sie haben mich ermutigt mit 60 noch mit dem Cello Spiel anzufangen und Ihre Einführungen und Erklärungen sind durchgehend verständlich.
    Ich würde Ihnen gerne noch eine Frage stellen. Es gibt Tage, da gelingt es mir leicht, ohne „Quietschen“ zu üben, an anderen Tagen quietschten einige Töne Was mache ich dann eventuell falsch ?
    Nochmals herzlichen Dank und liebe Grüße aus Dūsseldorf,

    Marion Erben

    • Liebe Frau Erben,

      vielen Dank für Ihre Zuschrift. Und zunächst möchte ich einmal meinen Respekt zum Ausdruck bringen, dass Sie es angehen mit dem Cellospiel. Ich bin mir sicher, dass Ihnen das noch viel Freude bereiten wird.

      Was Ihr „Quietschen“ am Instrument anbelangt, folgendes: Es gibt eine genz profane Ursache, weswegen eine Cello quietscht, nämlich wenn man nicht gerade streicht. Diesen Umstand kann man aber durch einsichtiges Üben einstellen, es dauert seie Zeit, aber es geht.
      Die andere Sache ist die, dass ein Bogen dann einen schönen Ton hervor bringt, wenn er mit der richtigen Geschwindigkeit und dem richtigen Auflagegewicht über die Saite gezogen wird. Nun sind auch noch die Saiten in Ihren Ansprüchen verschieden, da sie verschieden dick und damit versschieden träge sind.
      Was Sie als Spielerin daher brauchen, ist ein feines Gespür dafür, wie die Saite unter den Bogenhaaren reagiert. Und dieses Gespür muss sich ersteinmal einstellen. Und es wird sich entwickeln, wenn Sie einfach darauf aufmerksam sind, wie Sie den Ton an der Stelle gestalten, an der der Bogen auf der saite liegt.
      Aber etwas Geduld ist auch angesagt. Mit den körperlichen Dingen ist es manchmal so wie mit dem Wetter. mal kommt man besser in das körperliche Gespür hinein, und mal weniger.
      Ich kann Ihnen aber versichern, dass das insgesamt besser und leichter wird, je mehr Sie daran üben. Das Level der gefühlvoll angegangenen Töne am Cello wird steigen.
      Und dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg

      Felix Seiffert

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