Üben – Deine Zeit-Oase
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Macht Üben Spaß?
Dein Instrument bereitet Dir Freude. Es ist einfach schön, mit dem Bogen die Saiten anzustreichen und dabei nicht nur den Ton zu hören, sondern ihn mit dem ganzen Körper zu spüren. Jedes Mal, wenn Du damit beginnst, tut es gut. Wenn Du mit anderen zusammen musizierst, ist es einfach großartig.
Doch zuhause steht das Instrument oft nur herum. Immer wieder kommst Du nicht dazu, zu üben. Manchmal ist es zum Verrücktwerden. Es gibt immer einen Grund, warum es jetzt gerade nicht geht.
„Na ja – dann eben morgen!“
Und morgen…?
Mir jedenfalls geht es so: Wenn ich ein paar Tage verstreichen lasse, sinkt meine Stimmung: “Wenn ich beim Üben dranbleiben würde, ginge es viel besser, dann würde ich besser vorankommen und hätte mehr Spaß am Spielen. So fange ich irgendwie jedes Mal von vorne an.” Bei mir entsteht schlechtes Gewissen – nicht gut!
Auf der anderen Seite: Wenn ich am Üben bin, dann macht es auf einmal Freude. Ich spiele mein Stück. Mit der Zeit gelingt das, was vor Kurzem noch nicht ging, immer besser. Mein Ton wird schöner wie von allein. Nur dadurch, dass ich mich immer wieder hinsetze. Auch meine Finger werden schneller und gelenkiger. Von Tag zu Tag merke ich es. Wenn ich einmal dran bin und dabeibleibe, macht Üben tatsächlich Spaß, unbedingt!
Wenn nur nicht diese Hürde wäre, das Instrument in die Hand zu nehmen.
Erstüberwindung beim Üben
Das, was Du in der geschilderten Situation erlebst, heißt “Erstüberwindung”. Es ist schwieriger, etwas aus einem neuen Impuls heraus zu tun, als wenn Du daran gewöhnt bist. Das ist ein Fakt!
Das Spielen auf einem Instrument ist zunächst leider oft nicht mit einem solchen Suchtpotential gesegnet wie zum Beispiel – Dein Handy.
Es erfordert mehr von: “ich muss es mir jetzt vornehmen und mich damit beschäftigen”. Ich finde es erstaunlich, wie leicht man ein Handy immer wieder in die Hand nimmt. Wie viel Zeit verbringst Du damit? Ohne werten zu wollen: es wäre echt schön, wenn mein Cello solch eine Zugkraft hätte…
Muss es sein, dass Du Dich an Dein Instrument zwingst? Ich meine, Du hast Dir das Instrument für Dein eigenes Vergnügen, für Deine persönliche Erbauung gewählt. Es ist Dein schönes Hobby, eine Bereicherung für Dein Leben. Und jetzt dazu zwingen? Dann wäre es endgültig vorbei mit dem Spaß.
Ok! Du weißt, dass es Dir guttut und Du weißt auch: es geht leichter, wenn Du regelmäßig dran bleibst. Du weißt, mehrmals in kurzen Zeitabschnitten ist Üben effektiver, als die Summe der eingesetzten Zeit, an einem Stück und einmal die Woche. Du weißt Das alles.
Aber was nützt schon Wissen?
Bringt Dich dieses Wissen dahin, dass Du regelmäßig ans Instrument gehst? Mich nicht, dazu ist der innere Schweinehund noch zu groß.
Wie klappt es besser?
Wie wäre es, wenn Du regelmäßig erlebst, wie Deine Fähigkeiten beim Üben zunehmen und Du von Tag zu Tag besser spielst? Würde das Deine Erstüberwindung einschränken?
Ich kann es Dir nicht sagen. Bei mir funktioniert es. Ich denke, Du musst es selbst ausprobieren.
Ich möchte Dir in diesem Artikel ein Modell vorstellen, das helfen kann:
Nennen wir es „Zeit – Oase”.
Deine Zeit-Oase
Ich gehe mal davon aus, dass Du eine schöne Zeit mit Deinem Instrument haben möchtest. Daher wäre es erst einmal gut, wenn wir solche selbstsabotierenden “Schlechtes-Gewissen-Programme” wie oben beschrieben aus unserem Bewusstsein entfernten.
Du verbringst also täglich eine gewisse Zeit mit Deinem Instrument. Jetzt geht es darum, eine Zeitspanne zu finden, für die Du ganz bestimmt jeden Tag Zeit hast. Diese Zeitspanne sollte Dir nicht weh tun. Du solltest wegen Deines Instrumentes auf nichts in Deinem Tag verzichten müssen!
Wenn ich so nachdenke – eine Viertelstunde haben wir doch immer. Was meinst Du?
Wenn ich auf mein Handy sehe und die täglich genutzte Bildschirmzeit abrufe, dann weiß ich sehr schnell: Ich habe 15 Minuten Zeit!
Am Anfang ist ein klein wenig Erstüberwindung nötig. Wie gesagt: es ist der Anfang. Aber stell Dir vor, Du bleibst eine gewisse Zeit zielstrebig, gehst jeden Tag 15 Minuten ans Instrument.
Mit der Zeit merkst Du: In Dir entsteht das Bedürfnis, jeden Tag das Instrument in die Hand zu nehmen. Es ist von Mensch zu Mensch etwas verschieden. Aber dieser Effekt tritt auf jeden Fall ein. Manchmal nach 30 Tagen, manchmal nach 60 oder erst nach 90 Tagen.
Du bekommst ein ähnliches Bedürfnis, ans Instrument zu gehen, wie auf dem Handy Deine Nachrichten zu checken. Dir fehlt etwas, wenn Du es nicht tust! Man sagt, Du hast jetzt “Momentum” aufgebaut – Schwung. Jetzt bist Du nicht mehr so leicht aufzuhalten.
Übrigens: Sportlern geht es bei regelmäßigem Trainieren ähnlich. Es bilden sich bei ihnen Glückshormone (Endorphine und andere Botenstoffe) die den Körper regelrecht süchtig nach weiterem Training machen.
Ich behaupte: am Instrument stellt sich durch regelmäßiges Üben etwas Ähnliches ein. Probiere es aus!
Nur 15 Minuten üben
Das wirst Du Dich bestimmt fragen: “Was sollen denn 15 Minuten bringen. Da habe ich mein Instrument doch gerade erst gestimmt. Dann bin ich schon wieder fertig”.
Na, vielleicht kannst Du die Zeitzählung erst dann beginnen, wenn Du bereits gestimmt hast!
Spaß beiseite: natürlich ist das nicht viel Zeit. Sehr viel übst Du damit nicht. Aber Du bist dran, und das ist das Wesentliche. Unterschätze den Wert nicht. Es wirkt!
In 15 Minuten kannst Du Dich mit etwas Einfachem kurz einspielen. Dann kannst Du 5 Minuten etwas üben, eine Übung, eine Stelle in Deinem Stück. Und am Schluss, ganz wichtig: jetzt musizierst Du. Du hast Dein Instrument gewählt, um zu musizieren, nicht um endlos Übungen zu machen.
Mein Tipp: höre nie mit einem Problem auf, sondern musiziere am Ende. Das ist der Zweck der Übung. Auch wenn Du heute in Deiner kurzen Übephase mit den Übung unzufrieden warst: lege sie bis morgen weg, schlaf drüber und lass die Zeit wirken. Geh morgen wieder an die Übung. Morgen wird es leichter. Das Gelernte setzt sich über Nacht. Dann wird es selbstverständlich.
Du kannst mit der Einteilung Deiner Zeit etwas jonglieren und mit Übungen und Stücken experimentieren. Wie nutzt Du die kurze Zeit, dass sie Dich am meisten zufrieden stellt? Es gibt hier kein “richtig oder falsch”.
Gerne kannst Du, wenn Du möchtest, länger Üben und Spielen. Mach Dir daraus keinen Stress. Die 15 Minuten, die Du auf jeden Fall übst, halten Deine Routine in Fahrt. Sie müssen sein.
Und wenn Du dies 30, 60 oder 90 Tage geschafft hast, bin ich gespannt, wie es Dir ergangen ist. Meine These lautet: Du erlebst, wie schön es ist, wenn wirklich etwas voran geht. Dir macht das Instrument auf einmal richtig Spaß. Du hast kein schlechtes Gewissen, Du gehst einfach in Deinem Tempo voran. Und Dein Tag? Du schaffst ihn trotzdem!
Sogar noch besser: Dein Tag fühlt sich erfüllter an. Du fühlst Dich gestärkt. Du hast einen Weg gefunden, Dein geliebtes Instrument in Deinen Alltag zu integrieren. Jetzt merkst Du, wie Du stetig vorankommst. Das tut gut.
Ist das für Dich auch so?
Ich bin sehr gespannt auf Deinen Kommentar hier unter dem Artikel.
Herzlichst, Felix Seiffert
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