Wie Sie kratzende Tonanfänge am Frosch in wohlklingend gestaltete Musik verwandeln

Haben Sie sich auch schon einmal gewundert, warum es manchmal so schwer erscheint, zwei Töne hintereinander zu spielen, die weich aneinander anschließen sollen?

Dieses Thema beschäftigte uns insbesondere beim letzen Workshop für Fortgeschrittene, als wir daran gingen, einige romantische Stücke zu erarbeiten.

Sie streichen zum Beispiel einen Aufstrich und wollen kurz vor dem Frosch den Bogen umdrehen. Sie kommen zum Frosch, und …. schon ist es wieder passiert: der neue Ton beginnt mit einem Knackgeräusch, oder eventuell sogar mit einem Krächzen, Kratzen oder wie immer man das nennen mag.

Geht es Ihnen auch so?

Ich möchte Sie heute bitten, bevor Sie weiterlesen, genau dieses einmal auf Ihrem Instrument auszuprobieren.

Wie gesagt: Sie streichen in Richtung Frosch, wollen den Bogen umdrehen, und der nächste Ton, den Sie im Abstrich spielen, sollte weich beginnen.

Machen Sie sich einmal Gedanken darüber, was es dazu braucht.

Anders herum gefragt: Haben Sie mit Ihren Fingern das Reiben des Bogens an der Saite gespürt, oder haben Sie irgendwo im Körper gespürt, dass die Bewegung, dass das Spüren der Tongestaltung blockiert ist?

Sehr oft schon ging es beim Thema Streichen in diesem Blog um das gefühlvolle Streichen. Und dabei haben wir des öfteren über die richtige Gewichtung des rechten Arms gesprochen.

Der ausbalancierte Strich auf der Geige

Gefühlvoll streichen auf Cello und Kontrabass

Damit solch feinfühlige Dinge wie ein weicher Bogenwechsel möglich werden, müssen wir aber noch weiter ins Detail gehen.

Stellen Sie sich vor, Sie haben den Bogen am Frosch auf die Saite gelegt. Nun wollen Sie mit dem Abstrich beginnen. Der Bogen der Kontakt der Bogenhaare mit der Saite bringt es mit sich, dass der Bogen zunächst etwas an der Saite haftet. Wenn Sie nun los streichen wollen, muss sich der Bogen aus diesem haftenden Zustand an der Saite lösen.
Und dies kann der Bogen nur dann auf kontrollierte und weiche Art tun, wenn Ihre Finger in der Lage sind, den Bogen so flexibel zu halten, dass sie dabei den Kontakt des Bogens mit der Saite erspüren.

Wir stehen also am Frosch auf der Saite und der Strich soll los gehen. Würden wir nun bei einem fest in der Hand gehaltenen Bogen los streichen, ergäbe sich am Anfang des Tons dieses oben beschriebene Kratzgeräusch. Für einen weich angestrichenen Ton brauchen wir nun die Fähigkeit, dass die Finger, die den Bogen halten, zuerst flexibel darauf reagieren, wenn der Arm zu streichen anfängt. Haben sie den Beginn der Streichbewegung gewissermaßen abgefedert, kann der Bogen zu streichen beginnen und der Ton beginnt auf sanfte Weise. Die Finger stellen also eine flexible Kupplung zwischen dem Arm und dem Bogen dar.

Im Grunde spüren die Finger nicht mehr so sehr, das Greifen des Bogens, sondern viel mehr den Kontakt, den der Bogen mit der Saite eingeht.

Aber sehen Sie sich doch einmal im Video an, wie die Sache funktioniert

Sie haben also gesehen, wie der Arm zunächst zu streichen beginnt und sich die Finger passiv verhalten. Dies ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich habe Ihnen im Video ja auch gezeigt, zu was es führen würde wenn man die Fingerbewegung aktiv und zum falschen Zeitpunkt anwenden würde.

Hier noch einmal die wichtigsten Punkte:

  • Beginnen Sie die Bogenbewegung mit dem Arm.
  • Die Ausgleichsbewegung ist passiv und sie findet in den Fingern statt. Sie erkennen dies klar am Beugen des kleinen Fingers zu Beginn des Abstrichs.
  • Achten Sie darauf, dass die Finger ihren Berührungspunkt auf der Bogenstange beibehalten. Ein Verrutschen des Finger auf der Stange ist nicht der Sache dienlich!
  • Machen Sie keine vertikale Ausgleichsbewegung mit dem Handgelenk. Das Handgelenk muss stabil bleiben, sonst entsteht ein zusätzlicher Impuls der einen Akzent im Ton verursacht.
  • Die Finger erspüren den Ton durch den ganzen Strich hindurch.

Diese Forderung nach Flexibilität steht aber (und das macht die Sache nicht einfacher) zunächst im Widerspruch zu unserer normalen Vorstellung von dem, wie wir etwas greifen. (den Bogen nämlich)

Greifen Sie einen ganz normalen Gegenstand, beispielsweise ein Trinkglas, dann geschieht das dadurch, dass die Finger auf der einen Seite an den Gegenstand greifen und der Daumen dagegen. Dieses Gegengreifen ermöglicht zum Einen überhaupt das Greifen des Gegenstandes, zum Anderen führt es aber auch zu einer gewissen Verfestigung der Hand. Sie wollen das Glas ja schließlich nicht fallen lassen.

Die Kunst wird es nun sein, einen Gegenstand so fein in die Hand zu bekommen, dass es trotz des sicheren Greifens möglich wird, mit dem Gegenstand flexibel umzugehen.

Ein anderes Beispiel: Nehmen Sie einmal einen Füllfederhalter in die Hand. Wie werden Sie diesen anfassen, um zu schreiben. Sie wissen ja, Sei wollen dabei gefühlvoll mit der Feder auf dem Papier umgehen. Sie wollen durch den Stift hindurch spüren, wie die Feder durch das Aufsetzen auf dem Papier etwas auseinander gedrückt wird. Je gefühlvoller Sie den Stift in die Hand nehmen, desto klarer und schöner wird schließlich Ihr Schriftbild sein.

Irgendwie muss das doch auch beim Bogen gehen.

Und es lässt sich auch trainieren, wenn Sie folgende wichtige Punkte beachten.

  • Achten Sie darauf, dass sämtliche Fingergelenke leicht gebeugt stehen. Dieser Punkt ist der allerwichtigste und sollte auf keinen Fall missachtet werden. Ein Gelenk, das auf Anschlag steht, ist nicht flexibel. In den allermeisten Fällen ist der Daumen derjenige der immer wieder durchgedrückt wird.
  • Finden Sie eine Daumenstellung in der der Daumen „freiwillig“ leicht gebeugt auf der Bogenstange steht. In der Regel muss der dazu mit seiner vordersten Spitze auf der Stange stehen.
  • Alle Finger haben eine feste Kontaktstelle auf der Bogenstange. Bitte verrutschen Sie nicht beim Bogenwechsel auf der Stange. Sie werden auf diese Weise den Bogen nicht kontrollieren können.

Und nun machen Sie folgende Übung.

Sie halten den Bogen in Strichstellung ohne Instrument. Halten Sie dazu die Bogenstange etwa in der Mitte mit der linken Hand und rechts, so wie Sie es gelernt haben.

Versuchen Sie nun den Abstrich zu beginnen, und hindern Sie die Hand mit Ihrer Linken dran, den Bogen in Bewegung zu setzen. Sie simulieren also mit der linken Hand den Widerstand der Saite, der ja vorhanden ist, wenn der Bogen noch nicht streicht.

Wenn Sie nun zu streichen beginnen wollen, dann beginnt der Arm mit seiner Streichbewegung. Da der Bogen aber von der linken Hand fest gehalten und so an seiner Bewegung gehindert wird, müssen die Finger nun nachgeben.

Die Finger geben dann richtig nach, wenn Sie sehen, dass sich der kleine Finger an der Bogenstange beugt. Und wenn er das getan hat, kann die Fahrt des Bogens beginnen.

Probieren Sie das ebenso auf dem Instrument aus, und Sie werden sehen, dass Sie nun in der Lage sind, beim Anstreichen den Kontakt des Bogens mit der Saite zu erspüren. Jetzt haben Sie die Voraussetzungen geschaffen, die es Ihnen ermöglichen, den Ton weich anzustreichen.

Liebe Leser, mit diesen Ausführungen ist das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt. Es wird mindestens noch einen weiteren Artikel brauchen um Sie wirklich dahin zu führen, was es bedeutet einen gut gestalteten Ton beim Bogenwechsel hin zu bekommen.

Beim nächsten Mal wird es insbesondere darum gehen, was diese Thematik mit der gesamten Körperwahrnehmung zu tun hat.

Aber bis dahin probieren Sie das Gezeigte doch einmal aus und schreiben Sie am besten einen Kommentar mit Ihren Erfahrungen

Es grüßt Sie herzlich

Felix Seiffert

6 Kommentare

  1. Birgit Seefelder

    Lieber Herr Seiffert,

    Ihre Seite ist ein echter Segen für alle, die mit Saiten zu tun haben :-)! Ich habe erst im September 2017, mit fast 56 Jahren, zu spielen begonnen und mir damit einen Kindheitstraum erfüllt (Klavier und Flöte konnte ich zwar als Kind lernen, irgendwie ist es aber nie dazu kommen, Geige oder Cello dazuzunehmen). Als Kind aber lernt man eben ganz anders und viel müheloser (scheint mir), so dass ich schon x-mal an dem Punkt stand, wieder aufzuhören, weil mir alles viel zu langsam geht und ich ständig das Gefühl habe, vollkommen unbegabt zu sein für dieses wunderschöne Instrument. Aber seit ich Ihre Seite entdeckt habe, schaue ich vorher lieber nach, ob es zu meinem aktuellen Problem (und deren tauchen mehr als genug auf …) einen Kommentar gibt – und immer finde ich Hilfreiches und bin getröstet ;-).

    Vielen Dank also und alles Gute

    Birgit

    • Felix Seiffert
      Felix Seiffert

      Hallo Birgit,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ja, so sehe ich die Seite auch: als „Mutmachseite“ und als Seite, auf der man sich das ein oder andere Problem lösen kann.

      Viele Erfolg und vor allem viel Freude an Ihrem Instrument

      Felix Seiffert

  2. Hallo.
    Für mich in der unteren Hälfte des Bogens zu spielen ist sehr schwer.
    In der oberen Hälfe des Bogens zu spielen ist viel eifacher.
    Warum ist das so?

    • Felix Seiffert

      Hallo Riki,

      ich weiß jetzt leider nicht, ob Du Geige, Bratsche oder Cello spielst. Wenn es Dir schwer fällt, in der unteren Hälfte zu spielen, nehme ich an, dass Du Geige oder Bratsche spielst.

      Es ist so: bei den hohen Streichinstrumenten bekommst Du am Frosch oder in der unteren Hälfte sehr leicht zu viel Gewicht auf die Saite. Das lässt Dich vorsichtig werden und Du hebst den Arm an um nicht zu schwer auf der Saite zu liegen. Dieses Anheben des Arms macht Dich in der Bewegung unfrei.

      Damit haben alle hohen Streicher zu tun. Versuche es einmal, den Ellenbogen etwas mehr in der unteren Hälfte fallen zu lassen. Das entlastet den Bogen ohne dass Du zu sehr den Arm heben musst.

      Es könnte sein, dass Dir das weiter hilft.

      Lustiger Weise haben Cellisten dagegen oft keine Lust, in der oberen Hälfte zu spielen, weil man da mehr Gewicht auf die Saite bringen muss. Das ist hier eher mit Aufwand verbunden

      herzliche Grüße

      Felix

  3. Hallo! Ich finde es besonders schwer, zwei Saiten auf einmal zu streichen. Hast Du hierzu auch einen Streicher-Tipp?
    Danke + VG

    • Felix Seiffert

      Hallo Helga,

      Ja beim Streichen auf zwei Saiten muss man eine Strichebene haargenau treffen. Das ist auf einer Saite wegen der Variationsmöglichkeit des Winkels viel einfacher.

      Versuch es einmal so. Streiche nur die D-Saite an, mit einem langsamen Strich im ganzen Bogen. Streiche dabei recht nah am Steg.

      Jetzt lehnst Du Dich mit dem Bogen immer weiter zur A-Saite hinüber bis Du beide Saiten erwischt. Dann wieder zurück auf die D-Saite und wieder an die A-Saite annähern. Du wirst ein Gefühl dafür bekommen auf welcher Ebene Du streichst, wenn Du beide Saiten hast. Geh spielerisch mit der Sache um und versuche nicht gleich einen ganzen Bogen auf beiden Saiten durchzuhalten.

      Wichtig ist, dass Du bei der Annäherung an die andere Saite die Saitenwechselbewegung mit dem ganzen Arm machst. Der Oberarm muss den Bogen zur anderen Saite hin bewegen.

      Und nun machst Du die Übung umgekehrt. Fange auf der A-Saite an, und nähere dich der D-Saite.

      Und das Ganze machst du auf allen Saitenpaaren. Ich bin gespannt, wie es Dir nach diesen Übungen mit dem Treffen der Saiten geht.

      herzliche Grüße

      Felix

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