Vibrato am Cello – wie kommst Du in die richtige Bewegung?

Haben wir uns schon einmal über Dein Vibrato am Cello unterhalten?

Beim Vibrato scheiden sich die Geister. Die einen Spieler wenden es einfach an, machen sich keine großen Gedanken darüber, und – es klingt.

Bei vielen anderen ist das Thema eher mit Mühe, manchmal auch mit etwas Missmut verbunden. Sie kommen nicht richtig hinein. Irgend etwas klemmt in ihren Bewegungen, es wird nicht frei, kein freier Ausdruck der Seele.

Denn ein beseelter Ton soll es doch werden. Ein lebendiges Schwingen, der den Ton lebendig erscheinen lässt.

Aber wie kommt man dahin? Und wann fängt man überhaupt mit dem Vibrato am Cello an? Das sind die wichtigen Fragen, die sich im Grunde alle Streicher an einem bestimmten Punkt in ihrer Laufbahn fragen.

Vibrato – was ist das überhaupt?

Beim Vibrato kommt der Ton ins Schwingen. Und das geschieht in sofern, als sich seine Tonhöhe in rhythmischen Abständen nach oben und unten verändert. Der Ton klingt also einmal etwas höher und dann wieder etwas tiefer. Dieser Wechsel findet wellenartig mehrmals in der Sekunde statt. Es gibt da keine Richtlinie, wie schnell das Vibrato sein sollte. Hier kommt es ganz auf den Charakter der Stückes und auf den Geschmack des Spielers an.

Und wie funktioniert Vibrato am Cello technisch?

Tonhöhen werden bei Streichinstrumenten dadurch geändert, dass die Saite kürzer (bei höheren Tönen) und bei tieferen Tönen länger abgegriffen wird. Da aber das Vibrato den Ton nur sehr wenig in der Tonhöhe verändert, reicht es aus, mit der Fingerkuppe an der gegriffenen Stelle des einzelnen Tons auf der Saite zu rollen.
Der Finger wird also nicht auf der Saite verschoben, das gäbe viel zu große Höhenunterschiede im Ton. Nein, der Finger wird einfach nur auf der Saite entlang gerollt, ohne dabei den Kontakt mit ihr zu verlieren.

Aber sieh Dir das Video an:

Die Grundbewegung

Und damit kommen wir schon zu dem Bewegungsimpuls, der die Sache möglich macht. Die Bewegung, die das Vibrato ermöglicht, ist nämlich nicht die Bewegung, die einem sofort einfallen sollte, wenn man davon spricht, den Finger auf der Saite zu rollen.

Die Grundbewegung für das Vibrato ist eine Bewegung des ganzen Arms. Wir haben ja oben von einem Schwingen gesprochen. Und dieses Schwingen zeigt sich in der feinen Bewegung des ganzen Körpers, der letztlich in ausbalancierter Art das Schwingen des ganzen Greifarms zulässt.

Wenn Du dir das Video ansiehst, wirst Du merken, dass selbst die Schulter leicht in Schwingung gerät, wenn der Arm seine Bewegung für das Vibrato aufnimmt.

Man sieht allerdings vor allem eine Bewegung des Oberarms und des Unterarms.

Wie diese Bewegung funktioniert, kannst Du an Dir selbst sehr leicht erspüren, wenn Du versuchst, die Bewegung des „Zähneputzens“ mit deinem Greifarm nachzumachen.

Du wirst dabei automatisch eine „Doppelhebel-“ Bewegung machen. Dies ist die Form der Bewegung, die Dir ermöglicht, die Bewegung sehr leicht und ohne viel Kraft auszuführen. Beim Doppelhebel liegt der Drehpunkt der Bewegung so, dass ein Teil des Arms den Gegenpol zur Bewegung des anderen Teils darstellt. Und da sich die Sache nun im Gleichgewicht befindet, lässt sich die Bewegung sehr mühelos ausführen.

Übrigens: Du führst die gleiche Bewegung aus, wenn du am Cello von einer Lage in die andere rutschst. Das entlang Gleiten auf den Saiten ist im Prinzip die andere Bewegung.

erste Übung

Daher liegt es nahe, dieses gleich zur ersten Übung für das Vibrato am Cello zu machen.

Die Übung könnte man „Saiten putzen“ nennen.

Stell zunächst Deine Finger in einer guten Handposition (wie Du sie in der ersten Lage gelernt hast) auf eine Saite. Du brauchst die Saite nicht auf das Griffbrett zu drücken. Stell Dir vor, sie ist ein Drahtseil, das Deine Finger trägt.

Und nun gleitest Du mit allen vier Fingern auf der Saite hinauf und hinunter. Dein Arm wird dabei automatisch die richtige Bewegung ausführen. Achte bitte darauf, dass Du den Oberarm in der Schulter frei lässt, sodass auch er beweglich ist. Er bewegt sich längst nich in einem so großen Umfang, wie der Unterarm. Aber er soll sich bewegen können.

Hast Du diese Übung gemeistert, geht es daran, dass Du mit den Fingern die Saite auf das Griffbrett nieder hältst. Du bist also mit der Menge an Gewicht auf der Saite, die Du brauchst, um einen Ton zum Klingen zu bringen.

Jetzt führe die gleiche Bewegung aus. Zunächst wirst Du merken, dass es nicht mehr so leicht geht. Das liegt an der höheren Reibung der Finger auf der Saite. Versuch es bitte trotzdem. Es gibt eine Form, Dein Armgewicht so auf den Fingern abzustellen, dass sie auf dem Griffbrett gleiten können und dabei die Saite kraftvoll genug niederhalten, sodass ein Ton entstehen kann. Lass den Ton ruhig klingen. Es klingt nicht besonders erhebend aber dieses Glissando, das beim Rutschen entsteht, sagt Dir, dass Deine Finger mit genug Gewicht auf der Saite sitzen.

Sollte dies bei Dir nicht funktionieren, sieh Dir bitte diesen Blogartikel an, in dem ich Dir eine wichtige Übung zur Kräftigung der Finger nahe bringe.

So kommst Du zum Vibrato

Im Prinzip ist es jetzt ganz einfach: du verkleinerst die gerade beschriebene Rutschübung immer mehr, bis der Punkt kommt, an dem der Finger gar nicht mehr auf der Saite rutscht, sondern nur noch mit seiner eigenen Flexibilität der Bewegung des Arms nachgibt.

Der Finger setzt die Schwingbewegung des Arms in eine Rollbewegung der Fingerbeere auf der Saite um. Das klingt sehr einfach, ist es auch – wenn man es kann.

Es ist aber in vielen Fällen so, dass sich die Hand an irgendeiner Stelle in der Bewegung verkrampft und der Arm nicht mehr frei schwingen kann.

Oft versucht der Schüler in dem Moment die Bewegung durch eine Art „Schraubbewegung“ zu ersetzen. Seine Bewegung sieht dann so aus, als wolle er mit einem Schraubenzieher arbeiten. Es kommt zu einer Verdrehung des Unterarms. Diese Bewegung lässt sich aber nur schwer ins Schwingen bringen. Es fehlt ihr die Schwungmasse.

Daher möchte ich Dir folgenden wichtigen Rat geben.

Wenn Du die Vibratobewegung lernst, sieh bitte zu dass Dein Unterarm und Deine Handfläche über der gedachten Verbindungslinie zwischen Deinem Ellbogen und der Fingerspitze Deines Spielfingers liegen. So bildet Dein Unterarm die nötige Schwungmasse, und Dein gesamter Arm kann in der Schwingung bleiben, von der wir oben geredet haben.

Drehachse des Unterarms

 

Und damit hast Du die Grundbewegung für Dein Vibrato am Cello gelegt. Dies ist die Grundlage für das Vibrato am Cello. Es gibt allerdings noch eine ganze Mange darüber zu sagen. Dies würde diesen einen Artikel allerdings sprengen, sodass es demnächst bestimmt noch einen weiteren geben wird.

Eine sehr wichtige Sache möchte ich aber an dieser Stelle noch anbringen:

Die wichtigste Regel die mir zum Vibrato am Cello einfällt…

… ist eigentlich die Aufhebung einer anderen Regel.

Kannst Du Dich noch an den Blogartikel erinnern, als es um das erste Aufsetzen der Hand auf dem Griffbrett ging? Was war die oberste Regel?

Die Finger unterhalb des Griffbretts bleiben auf der Saite liegen. Sie helfen dem Spielfinger beim Niederhalten der Saite.

Diese Regel ist immer dann wichtig, wenn es darum geht, dass die Finger ihre Stellung zueinander lernen. Außerdem ist das Einhalten dieser Regel unumgänglich, wenn es darum geht, schnelle Läufe zu spielen.

Beim Vibrato ist diese Regel komplett aufgehoben!

Wenn mehr als ein Finger auf dem Griffbrett stehen, dann behindern sich diese Finger nur gegenseitig in der Bewegung.

Einzige Ausnahme: Manchmal lasse ich den 3. Finger hinter dem 4. stehen um ihm etwas mehr Kraft zu geben. Gemeinsam schaffen sie es besser, die Saite niederzuhalten und dabei beweglich zu bleiben.

Und damit wünsche ich gutes Gelingen.

Viele Erfolg bei Deinen Übungen und reiche Erkenntnisse beim Finden Deines Vibratos.

Felix Seiffert

p.S.: Ach wärest Du so nett? Könntest Du etwas über Deine Erfahrungen mit dem Vibrato unten im Kommentar der Leserschaft zugänglich machen? Durch eine gemeinsame Diskussion zum Thema können wir alle zusammen diese Sache noch wesentlich besser beleuchten.

Und bitte sei so gut: poste den Artikel in Deinem sozialen Netzwerk. Der Blog steht und fällt damit, dass er eine breite Leserschaft findet.

Vielen herzlichen Dank

11 Kommentare

  1. Claudia Breinl

    lieber Herr Seiffert,
    ich bin auf Ihre Seite gestossen, weil ich nicht weiß, wie man eigentlich den CelloBogen richtig greift. Wie kommt der Daumen zu liegen dort am Ende des Bogens ? Und welche Aufgaben hat der Daumen eigentlich? Und wie übe ich am besten die lockere und flexible und trotzdem kontrollierte Bogenhaltung?
    Sie können so anschaulich erklären, – ich bin gespannt und würde mich über eine Antwort freuen. vielen Dank!

  2. Dorkas Ozory

    Dank dieser wunderbaren Anweisungen
    schaffe ich nun schon gaaaaanz lange Noten nacheinander !!!
    Wenn die Hand mit nachgiebigem Fingergelenk wirklich schön schwingt,
    dann bewegt sich auch der Daumen gegenüber dem vibrierenden Finger
    ein wenig am „Hals“ hin und her, das ist insofern geradezu ein Indiz,
    dass die Schwingung stimmt, oder ???
    Aber ein Rätsel ist, wie man UNgleich lange und auch mal ne schnellere Note
    dazwischen miteinander verbinden kann, ohne das gleichmässige Schwingen zu stören, das erscheint mir vollkommen UNmöglich……. 🙁
    Ich hoffe diesbezüglich GEDULDIG auf eine weitere Unterrichtsstunde
    und übe derweilen die langen Noten !!!
    Interessant bzw. verwunderlich ist auch, dass langsames kontrolliertes Schwingen eigentlich SCHWERER aber auch schöner ist als schnelles, da unkontrollierter…….
    Dankbare und herzliche Grüße von D.Ozory

    • Felix Seiffert

      Lieber Dorkas,

      vielen Dank für diese sehr sachdienlichen Hinweise.

      Ja, es stimmt: bei mir bewegt sich auch der Daumen unter dem hals etwas hin und her. Er streicht ganz leicht am Hals entlang, was ein Zeichen dafür ist, dass er zwar Kontakt mit dem Hals hat, aber dennoch nicht gegen den Hals drückt.

      Das Thema Fingerwechsel während man vibriert ist in der Tat eine Sache, die ich gerne in einem weitern Artikel erklären will. Daher bitte ich um etwas Geduld. Nur eines: es geht, man kann weiter schwingen, während man mit einem anderen Finger einen neuen Ton greift. Das kommt mit einiger Übung.

      Und der dritte Punkt: in der Tat kann es leicht passieren, dass man in ein unkontrolliertes sehr schnelle Schwingen kommt. Dieses beinhaltet aber meiner Ansicht nach einen kleinen Krampf. Daher gebe ich dir völlig Recht. Es ist zunächst schwieriger, in einem kontrolliert langsamen Schwingen zu bleiben. Aber das rate ich Dir.

      herzliche Grüße

      Felix

  3. Am liebsten würde ich das gleich ausprobieren, aber ich muss erst etwas mehr Sicherheit beim Spiel ohne Vibrato gewinnen. So oder so: wie immer toll erklärt. Meine Cellolehrerin, zu der ich letzthin in eine allererste Stunde ging, war übrigens sehr erstaunt, was ich dank Ihren Tutorials bereits gelernt habe.

    Also besten Dank nochmal!

    • Felix Seiffert

      Aber gerne!

      Du hast vollkommen Recht. Es ist wichtig, Treffsicherheit ohne Vibrato zu gewinnen. Vibrato verfälscht die genaue Intonation, das muss man ganz klar sehen. Aber ich glaube schon, dass du es einmal ganz vorsichtig versuchen kannst. In die Beweglichkeit zu kommen, ist immer ein Gewinn für das eigene Spiel. Nur musst Du immer wieder, wie gesagt, die Intonation ohne Vibrato stabilisieren.

      herzliche Grüße

      Felix

  4. Joachim Gelhaar

    Hallo Felix,

    ich bin 68 Jahre alt und bin nun seit 3 1/2 Monaten fleißig am Üben. Ein tolles Instrument, das Cello. Über den Tag komme ich gut auf 1 1/2 bis 2 Stunden. Deine Informationen sind hervorragend. ganz besonders diese letzte Information zum Vibrato. Erster guter Übungserfolg ist bereits zu berichten.
    Danke und alles Gute
    Joachim

    • Felix Seiffert

      Hallo Joachim,

      Das mit dem Anfangserfolg freut mich sehr! Ich möchte Dich nur in der Anfangsphase Deiner Entwicklung am Cello genauso dazu ermuntern, immer wieder die Treffsicherheit der Töne ohne Vibrato zu üben. Gerade in den ersten Monaten ist es neben der Beweglichkeit ebenso wichtig, die genaue Treffsicherheit der Finger einzustellen. Und das macht man ohne Vibrato. Man braucht ja einen genauen Punkt der Tonhöhe. Also bitte übe beides. Beweglichkeit im Vibrato (schön, wenn Du es so früh beginnst) und Treffsicherheit ohne Vibrato.

      herzliche Grüße

      Felix

      • Joachim Gelhaar

        Hallo Felix,
        der gute Rat ist angekommen und wird beherzigt.
        Danke. freue mich auf die nächsten Informationen.

        Herzlichst

        Joachim

    • Felix Seiffert

      Na das freut mich, ja sehr, wenn Du mit diesen Ausführungen einen Schritt nach vorne machen kannst. Ich bin gespannt, ob diese Angaben bei dir auch Früchte tragen. Dann macht der Artikel wirklich sinn.

      ganz herzliche Grüße

      Felix

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*