Können Sie hören?

Haben Sie das auch schon einmal gehört? „Ich kann ja kein Instrument lernen, weil ich nicht richtig hören kann“. Oder: „Ja Klavier (da sind die Töne vorgegeben) geht schon, aber für ein Streich- oder Blasinstrument fehlt mir das nötige Gehör.“

Glauben Sie das auch? Ich würde Sie gerne einmal zu einem kleinen Experiment einladen. Dazu müssen Sie sich aber gleich einmal das Video unten ansehen.

Fassen wir einmal kurz zusammen:

Ich spiele Ihnen mit einem Stimmgerät einen Ton vor; a’ mit der Frequenz 443 Hz. 443 Hz bedeutet, dass der Ton in einer Sekunde 443 mal schwingt.

Und wenn Sie jetzt den Ton gehört haben, dann haben Sie auch den feinen Unterschied gehört, als ich das Stimmgerät auf die Frequenz 444 Hz umgestellt habe.

Ist es nicht enorm, wie fein unser Gehör reagiert? Ich habe dieses Experiment schon oft mit Schülern durchgeführt und ich sage Ihnen, ich habe wirklich noch niemanden erlebt, der diesen Unterschied von einem Hz (Hertz) nicht gehört hat.

Und jetzt wage ich einmal eine These, die vielleicht etwas kühn erscheinen mag: Jeder, bei dem der Ohrenarzt nicht Taubheit bescheinigt, oder bei dem nicht festgestellt wird, dass er auf bestimmten Frequenzen hörunfähig ist, kann hören!

Es kommt nur darauf an, dass man das Ohr schult, dass der Mensch lernt, mit seinen Ohren richtig umzugehen. Wenn wir musizieren wollen, dann müssen wir lernen, richtig hin zu hören und unsere Aufmerksamkeit auf das Zusammenklingen der Töne zu richten.

Beginnen wir einmal mit dem einfachsten Zusammenklang zweier Töne, den es gibt. Wir brauchen ihn zum Beispiel, wenn wir zwei Instrumente auf die gleiche Stimmung bringen wollen. Es geht um den Zusammenklang zweier gleicher Töne. Sie können sich physikalisch ganz leicht vorstellen, dass es hierbei um das Zusammenklingen zweier gleicher Frequenzen geht.

Also hat eine Geige zum Beispiel das a’ 443 Hz, und nun soll eine andere Geige auf den gleichen Ton gebracht werden.

Wenn Sie jetzt diese Töne beide gleichzeitig spielen, und sie noch nicht stimmten, werden Sie etwas hören, was man die „Schwebung“ nennt. Physikalisch betrachtet, nennt man dieses Phänomen „Interferenz“.

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Welle (den einen Ton) und jetzt stellen Sie daneben noch eine weitere Welle (die des zweiten Tons). Wenn nun die beiden Wellen exakt die gleiche Frequenz (und damit auch die gleiche Wellenlänge) haben, ergänzen sie sich perfekt zu einem sich gegenseitig verstärkenden Ton.

Wenn aber eine Welle leicht in ihrer Wellenlänge von der Ersten differiert, kommt es im Wellenverlauf zu Stellen, an denen die Wellen gleich verlaufen (Der Wellenberg der einen Welle trifft auf den der Anderen und sie verstärken sich gegenseitig). An anderen Stellen tritt das Gegenteil auf. (Der Wellenberg der einen Welle trifft auf das Wellental der anderen Welle und beide Wellen heben sich gegenseitig auf).

Wenn Sie sich nun den Klang anhören, werden Sie ein rhythmisches Verstärken und schwächer werden des Tons bemerken. Dies ist die „Schwebung“.

Und nun tritt etwas Merkwürdiges auf: Je näher Sie die beiden Töne aneinander bringen, desto langsamer wird die Schwebung. Je weiter sich die Töne voneinander entfernen, desto schneller wird die Schwebung.

Ich möchte sie jetzt dazu ermuntern, dass Sie dieses Phänomen einmal ausprobieren. Der Ton jeder leeren Saite lässt sich auf der nächst tieferen Saite auch greifen. Bei Geige und Bratsche geht diese in der ersten Lage mit dem 4. Finger. Bei Cello und Bass muss man dazu in die zweite Lage gehen. Sie werden den Ton finden.

Und jetzt geht es darum, durch feines Verschieben des Fingers dahin zu kommen, dass Sie wirklich zwei gleiche Töne miteinander spielen.

Zwei Dinge sind dazu nötig. Zum Einen müssen Sie es herausbekommen auf beiden Saiten gleichzeitig mit dem gleichen Druck zu streichen. Werden Sie mit dem Bogen also sehr feinfühlig und spüren Sie, wie der Bogen auf den beiden Saiten liegt. Außerdem wäre es wichtig, dass Sie nicht zu langsam streichen und der Bogen wirklich im Fluss auf der Saite bleibt.

Der andere Punkt ist, dass es um minimale Bewegungen des Fingers geht, um den gegriffenen Ton zu ändern. Oft reicht es aus, den Finger nur ein klein wenig über die Saite zu rollen (also das vorderste Gelenk des Fingers nur ein klein wenig mehr zu beugen oder zu strecken) und schon ist der Ton verändert. Ja, es geht tatsächlich um Millimeter auf dem Griffbrett.

Und nun wünsche ich Ihnen viel Erfolg damit. Werden Sie feinfühlig! Schulen Sie Ihre Ohren und reagieren Sie empfindlich auf kleine Abweichungen zwischen den Tönen. Sie werden ganz bestimmt mit etwas Übung dahin kommen, dass Sie wissen, worauf es beim Klang ankommt.

herzliche Grüße

Felix Seiffert

10 Kommentare

  1. Avatar

    Hallo,
    zunächst einmal möchte ich erwähnen, dass ich schon öfter interessiert Ihre Einträge verfolgt habe. Super Internetseite! Vielleicht könnten Sie uns eine unabhängige Meinung geben bzw bei einer speziellen Frage weiterhelfen:
    Unsere Siebenjährige spielt seit letztem Sommer Cello, es war ihr eigener Wunsch und sie „übt“ auch immer noch gerne. Jedoch hört sie nicht, wir versuchen es immer wieder spielerisch, Klavier etc, ob sich Töne schief anhören oder nicht. Wenn die Lehrerin etwas richtig und absichtlich schräg spielt, hat sie große Probleme das zu erkennen. Ist es möglich, aus Ihrer Erfahrung, dass sich das noch entwickelt oder ist es vielleicht doch nicht das geeignetste Instrument? Wir finden es zwar toll wenn sie ein Instrument lernt, möchten Sie aber auch nicht überfordern.
    Vielen Dank und Grüße
    Vera

    • Felix Seiffert
      Felix Seiffert

      Hallo Vera,

      vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich würde die Hoffnung nicht aufgeben.

      Kinder haben manchmal Schwierigkeiten gerade in jungen Jahren, mit dem Hören von tiefen Tönen. Es könnte sein, dass Ihre Tochter in hohen Lagen also beim Klavier über der „Mitte“ deutlich besser hören. Und dann braucht es Zeit bis sich die Unterscheidungsfähigkeit auch in den tieferen lagen einstellt. Vielleicht probieren Sie es mit Ihrer Tochter einmal aus, wie es ihr geht, wenn sie Melodien oder Töne „oben vorspielen“. Wenn sie da besser hört würde ich auf jeden Fall auf die Zeit setzen, die das richtet.

      Überhaupt kann und muss man die Unterscheidungsfähigkeit von Tönen lernen. Das ist nicht jedem Kind in die Wiege gelegt.

      viele Grüße

      Felix Seiffert

  2. Avatar
    Christina Sander

    Hallo Felix.
    bietest du nächstes Jahr einen Workshop für Cello an? Spiele erst seit ein paar Monaten, aber liebe mein Cello wahnsinnig. (leider hört man das noch nicht).
    Aber im Urlaub Cello zu spielen (also einen Kurs oder Seminar) zu machen, fände ich toll. Da ich meinen Urlaub einreichen muss, möchte ich jetzt schon anfragen. (bin übrigens schon 52).
    Freue mich auf deine Antwort.
    Mit freundlichen Grüssen
    Christina Sander

    • Avatar
      Felix Seiffert

      Hallo Christian,

      aber natürlich biete ich wieder Celloworkshops an. Bitte schau ab und zu in Dein Mail Postfach. In Kürze werden die Termine für 2019 bekannt gegeben.

      herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  3. Sven

    Lieber Felix, Deine neue Homepage ist super geworden. Dabei bin ich auf diesen Beitrag gestoßen. Eine Frage, ich spiele jetzt seit 2 Jahren Geige. Beim üben zu Hause, benutze ich das Stimmgerät um meine Position der Finger zu kontrollieren. Ich habe auch schon in einem Forum gelesen, dass man diese Variante nicht machen soll. Können Sie mir etwas empfehlen.
    Lieben Dank, Sven

    • Avatar
      Felix Seiffert

      Hallo Sven,

      schön, wenn Dir die Seite gefällt.

      Ich finde es gar nicht so schlecht, die Töne mit dem Stimmgerät zu suchen. Ich möchte Dir aber noch etwas anderes vorschlagen:

      In der ersten Lage steht der 3. Finger normalerweise so, dass Du mit ihm die Oktave der tieferen leeren Saite greifst. Spiele diese beiden Töne im Vergleich und höre so genau hin wie Du kannst. Das gibt noch mehr Sicherheit.

      Genauso vergleichst Du den 1 Finger mit der leeren Saite darüber. Und den 2. Finger vergleichst Du ebenfalls mit der leeren Saite darüber. Das ergibt eine kleine bzw eine große Terz, je nach dem, ob der Finger hoch oder tief steht. Auf jeden Fall sind das harmonisch klingende Intervalle und die sollten durch eine gute Fingerstellung entstehen.

      Damit kommst Du ein großes Stück weit in Sachen sauberer Intonation in der ersten Lage.

      herzlichst

      Felix

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    Heinrich Pesch

    Phänomenal! Jetzt erst vestehe ich, was vorgeht, wenn das Orchester sich einstimmt. Dieses Gewaber, bevor alle Instrumente exakt gleich gestimmt sind.

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      Ja, das glaubt man zunächst gar nicht. Aber die Musiker in einem Orchester sind absolut feinfühlig darauf trainiert, genau das zu hören, worauf es ankommt. Und dann stimmt das Orchester eben auch so wie es soll.

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    Toll gemacht, lieber Felix! Da spürt man: hier ist jemand mit Herzblut dabei und Deine Freude am Hören, erklärenden Vermitteln und spielenden Musizieren steckt einfach an.

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      Lieber Winfried,

      vielen Dank für Deinen sehr ermunternden Kommentar.
      Man kann wohl sagen, dass das, was hier im Blog steht, immer von dem Grundgedanken getragen ist, dass „Hemmnisse“ „Nicht können“ immer nur begrenzende Konstrukte unserer Vostellung sind – also eigentlich gar nicht real.
      Es geht daum, zu zeigen, was geht. Und es geht so vieles!

      herzlichst

      Felix

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