Die Französische Ouvertüre – oder wie Du mit barocker Rhythmik umgehst

Weißt Du, was eine Französische Ouvertüre ist?

Und – kennst Du Jean Baptiste Lully?

Schon mal von ihm gehört, dem Hofkomponisten Ludwigs XIV? Stell Dir das Schloss Versailles vor und die Pracht, die dort herrschte. Und hier wurde großartigste Musik gemacht, eben komponiert von Jean Baptiste Lully, diesem begnadeten Komponisten der Barockzeit.

Was nicht so sehr bekannt ist – auf Lully geht die Französische Ouvertüre zurück, die für die ganze Barockzeit stilbildend ist.

Immer wieder findet man sie in größeren und kleineren barocken Kompositionen der allermeisten Komponisten der damaligen Zeit. So zum Beispiel in der Orchestersuite in D-Dur von Johann Sebastian Bach, oder auch als Eröffnung des Messias von Georg Friedrich Händel.

Aber was ist das eigentlich, eine Französische Ouvertüre?

Ouvertüren sind in der Regel die Eröffnungsmusiken für barocke Suiten, für Opern, und Oratorien.
Die Französische Ouvertüre, um die es heute geht, stammt aus der Schauspielmusik zu Molières Schauspiel „Die Prinzessin von Élide“, das anlässlich eines großen Festes am Hof von Ludwigs XIV gegeben wurde.

Wir werden Ausschnitte aus dieser Schauspielmusik, sofern sie für Streichorchester ohne Gesang gesetzt sind, in den diesjährigen Oktoberworkshops erarbeiten. Mit dabei ist natürlich unsere Ouvertüre.

Die Französische Ouvertüre und ihre Form

Eine Französische Ouvertüre beginnt mit einem langsamen Satz, der im punktierten Rhythmus steht. Äußerst feierlich ist der Charakter mit deutlich hervorgehobenen Betonungen auf den Taktschlägen. In vielen solchen Fällen steht als Tempobezeichnung „Grave“ über den Noten. „Schwer“ bedeutet das, und bezieht sich auf den Klangcharakter. Dabei ist der Charakter eher feierlich ausladend als schwerfällig.
In unserem Fall steht überhaupt keine Tempobezeichnung über den Noten. Nur die Taktangabe „2/2 Takt“ deutet an, um was es sich handelt.

Dieser erste Teil der Ouvertüre wird wiederholt und danach schließt sich ein schnellerer Teil im 3/4 Takt an. Die zweiten Teile solcher Ouvertüren sind meist fugiert komponiert. Eine Stimme beginnt dabei mit einer Melodie und andere Stimmen setzen mit der gleichen Melodie zu einem späteren Zeitpunkt ein. Es ist also eine Komposition mit mehreren Stimmen die gleichberechtigt ineinander greifen.

Dabei muss dieser zweite Teil keine richtige Fuge sein. Es reicht auch das fugierte Einsetzen der Stimmen, wie in dem vorliegenden Fall.

Oft findet man bei diesem zweiten Teil die Tempoangabe „Allegro“. In unserem Fall findet man hingegen wieder einmal gar keine Tempoangabe. Nur der Taktwechsel deutet auf das andere Tempo hin.

Das Tempo

Man darf aber davon ausgehen, dass das Tempo ungefähr so gewählt wird, dass der langsame Schlag der halben Noten im 2/2 Takt des ersten Teils genauso schnell ist, wie ein ganzer Takt im zweiten Teil. Eine halbe Note des ersten Teils wird also zu drei Vierteln. Und damit kommt man sehr natürlich in das schnellere Tempo hinein.

 

 

Sieh Dir einmal die Noten an. Hier habe ich Dir eine Abschrift in heutigen Notenschlüsseln beigelegt.

Lully Französische Ouvertüre

Wie Du siehst, sind in den Noten weder dynamische Angaben (Lautstärke), noch Tempoangaben, noch irgendwelche Angaben darüber, ob sich das Stück beschleunigt, oder verlangsamt.

Merkst Du, was wir heute alles gewohnt sind, vorgesetzt zu bekommen. All das gab es damals nicht, jedenfalls nicht in den Noten dargestellt. Was nicht heißen soll, die Musiker hätten damals nur alles in einer Lautstärke heruntergespielt. Weit gefehlt. Aber es gab eben bestimmte Absprachen, die die Musiker hatten und mit denen es funktionierte, ohne dass alles haarklein in den Noten vermerkt wurde.

So ist es zum Beispiel mit den Stellen, in denen die Musik ganz natürlich eine Bremse einlegt. Kennst Du das?

Im 3/4 Takt kommt dies recht häufig vor. Man nennt es die „Hemiole“.

Die Hemiole

Stell Dir vor, innerhalb eines Stückes im 3/4 Takt kommt auf einmal eine Stelle im 3/2 Takt. aus schnellen Taktschlägen werden auf einmal Taktschläge, die nur halb so schnell sind. So kommt es in der Musik zu einer ganz natürlichen Bremswirkung. Du findest diese Hemiole meist vor Schlüssen, aber auch vor Teilschlüssen mitten im Stück.

Die Sache ist nur die, dass man diese Hemiole gar nicht ohne Weiteres erkennt. Es ist nämlich keineswegs so, dass hierfür im Stück tatsächlich der Takt geändert wird. Vielmehr muss der Spieler am rhythmischen Verlauf der Melodie erkennen, dass es sich um eine Hemiole handelt.

In der Regel kommt man im Laufe der Proben drauf, dass an einer ganz bestimmten Stelle eine Hemiole liegen muss. Oder man erkennt es in der Partitur. Auf jeden Fall ist es angebracht, Hemiolen mit Hilfe von Akzenten über den Noten, die die neuen Taktschläge bekommen, zu markieren. So spielt sich die Sache gleich von vornherein viel besser. Man merkt, wie man als Spieler mit der Melodie deutlich besser in Fluss kommt.

Ich habe diesmal in den Stücken, die wir im Workshop spielen Hemiolen mit Akzenten gekennzeichnet. Die Sache sieht dann zum Beispiel so aus:

Hemiole

Hemiole mit Akzenten gekennzeichnet

Eine andere Sache, die uns bei barocken Stücken begegnet ist die, dass Rhythmen manchmal anders notiert sind, als sie gespielt werden.

Der punktierte Rhythmus

So ist es zum Beispiel mit dem punktierten Rhythmus.

Kannst Du Dir vorstellen, dass diese rhythmische Figur

punktierter Rhythmus

punktierter Rhythmus

so gespielt wird?

punktierter Rhythmus angeglichen

so wird er gespielt

Man gleicht die Punktierung hinter einem Viertel an, damit das nachfolgende Achtel sich in den folgenden Rhythmus der punktierten Achtel mit den Sechzehnteln einfügt. Eigentlich sehr logisch, wenn der Rhythmus packend sein soll.

Aber warum schreibt der Komponist es denn nicht so hin, wenn er es so meint? Es gibt doch Methoden dies genau so zu notieren, wie es gespielt wird.

Das sollte man zumindest meinen.

Wenn man ein Viertel hat, das man so verlängert, dass eine Noten heraus kommt, die genau so lang ist, dass zu zwei vollen Schlägen nur noch ein 16tel übrig bleibt, dann braucht man dazu zwei Punkte. Der erste Punkt fügt dem Viertel ein Achtel hinzu und der zweite Punkt noch einmal ein Sechzehntel.

Nur leider wurde der Vorschlag, einen zweiten Punkt zu verwenden erst von Leopold Mozart, also in viel späterer Zeit gemacht. Vor Leopold Mozart wusste man als Spieler einfach, dass man Achtel, die vor einem solchen punktierten Rhythmus stehen, einfach als Sechzehntel spielt. Man gleicht den Rhythmus demnach einfach an.

 

Du siehst schon, es ist nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Vieles ändert sich in der Spielweise, wenn man solche barocke Stücke spielt. Kurz gesagt, die Notation wird im Laufe der Jahrhunderte immer genauer.

herzliche Grüße

Felix Seiffert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

87 + = 91