Der Bogengriff bei Geige, Bratsche und Cello

Kommen wir zu den Funktionen der einzelnen Finger beim Bogengriff.

Übung 1

Beginnen wir mit einer einfachen Übung: Sie bilden mit dem Mittelfinger und dem Daumen der rechten Hand einen Ring. Dieser Ring wird gebildet, indem der Daumen sich mit seiner äußersten Spitze in die Falte des vordersten Gelenks des Mittelfingers stellt.

alle Gelenke gebeugt

Wichtig hierbei: Sehen Sie zu, dass alle Gelenke leicht gebogen sind. Alle Gelenke benötigen, um beweglich zu bleiben, Bewegungsspielraum in beide Richtungen; zum Beugen und zum Strecken. Ein Gelenk, das sie auf Anschlag bringen, wie etwa einen durchgedrückten Daumen, wird die Bewegungsfähigkeit des entsprechenden Fingers außer Kraft setzen.

Übung 2

Sie bilden wieder den Ring, setzen aber einen dicken Buntstift zwischen die Daumenspitze und den Ringfinger. Der Stift fungiert hier als Stellvertreter für den Bogen. Mit ihm können Sie spielerisch ausprobieren, wie leicht und flexibel man einen Gegenstand in die Hand nehmen kann. Selbst wenn er ihnen dabei versehentlich aus der Hand fallen sollte, wäre das kein Unglück.
Sehen Sie zu, dass der Daumen mit seiner vordersten Spitze den Bleistift berührt. Nur so ist gewährleistet, dass das vorderste Gelenk des Daumens nicht durchgedrückt wird. Versuchen Sie, mit den Fingern beweglich zu bleiben; rollen Sie den Bleistift zwischen Daumen und Mittelfinger etwas hin und her. Rollen Sie den Stift aber bitte nur so wenig, dass sich der Daumen nicht mit der flachen Daumenkuppe auf den Stift stellt, sondern stets mit seiner Spitze.

von vorne

Übung 3

von der Seite

Legen Sie nun den Ringfinger auf den Bleistift auf. Hier kommen wir zu einem ersten Unterschied des Greifens am Geigen- bzw. Bratschenbogen und dem Cellobogen. Bei der Geige (und auch Bratsche, der Griff ist bei beiden Instrumenten im Prinzip gleich) wird der Ringfinger einfach neben den Mittelfinger gelegt. Der Ring zwischen Mittelfinger und Daumen bleibt erhalten. Wichtig ist es, an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass es sich hierbei nie um einen starren Ring handeln darf. Flexibilität ist oberstes Gebot!
Beim Cellobogen hingegen verschiebt sich die Stellung des Mittelfingers in so fern, als er, aus der Sicht des Spielers, etwas mehr Links zu liegen kommt. Legt man nun den Ringfinger auf, steht der Daumen zwischen ihm und dem Mittelfinger.

Geige: Daumen hinter dem Mittelfinger

Cello: Daumen zwischen Mittel- und Ringfinger

Übung 4

Nun kommt der kleine Finger dran. Hier liegt der größte Unterschied in der Haltung zwischen Geigen- und Cellobogen. Aufgrund der unterschiedlichen Haltung der hohen und der tiefen Streichinstrumente ergeben sich unterschiedliche Funktionen des kleinen Fingers. Er wird beim Geigenbogen auf die Stange gestellt; seine Hauptfunktion ist das Gegenstützen in bestimmten streicherischen Situationen. Achten Sie hierbei wieder darauf, dass die Gelenke des Fingers leicht gebeugt sind. Idealer weise steht der Finger rund auf der Stange. Dies wird umso leichter  möglich, wenn der Bogen schließlich beim Spielen auf das Instrument gestützt wird.
Beim Cellobogen hingegen muss der kleine Finger zusätzlich zum Stützen die Funktion des Ziehens übernehmen. Mit dem kleinen Finger hält der Cellist den Bogen in „Stegnähe“ Daher legt sich der kleine Finger wie die übrigen Finger ein wenig über die Stange. Allerdings nicht so weit wie die anderen. Er sollte mit seinem vordersten Fingerglied die Bogenstange (oder hier eben den Stift) berühren.

Geige: kleiner Finger steht auf der Stange

Cello: kleiner Finger ragt über die Stange hinaus

Übung 5

Als letztes wird der Zeigefinger auf die Stange gelegt. Er berührt die Stange kurz unterhalb seines mittleren Fingergelenks. An dieser Stelle sei erwähnt, dass über die Jahrhunderte des Violinspiels immer wieder verschiedene Auflagepunkte des Zeigefingers gewählt wurden. So legt beispielsweise die Russische Geigenschule den Finger weiter über die Stange, sodass das mittlere Fingergelenk noch über die Stange geschoben wird. Das verleiht dem Ton etwas mehr Kraft, schränkt aber meines Erachtens die Beweglichkeit etwas ein.
Egal auf welche Weise Sie den Zeigefinger einsetzen möchten; eines vollzieht sich in jedem Bogengriff unabhängig vom gespielten Instrument. Dadurch dass der Zeigefinger weiter über die Stange geschoben wird, als die anderen Finger, kann sich die Hand auf diesen Finger stützen und so das Armgewicht auf den Bogen übertragen. Durch ein Heben und Senken des Ellbogens kann so das Gewicht auf dem Bogen verstärkt oder abgeschwächt werden. Im Fachbegriff nennt man dies „Pronation“

Der fertig angelegte Griff sieht nun so aus:

Geige

Cello

Ein weiterer Hinweis:

Sehen Sie sich einmal die Stellung Ihrer Hand von oben an. In dieser Perspektive ist es wichtig, dass die Finger und damit die und damit die Ausrichtung der ganzen Hand im 90 Grad Winkel zur Bogenstange stehen. Dies ist eine feste Vorgabe, die nach einer gewissen Zeit des Lernens präzisiert und verfeinert werden muss, aber zunächst für die motorische Ausrichtung des Bogenstrichs von herausragender Bedeutung ist. Zunächst führt man sozusagen den Bogen mit einer an der Stange fixierten Hand. Dies gibt einem die Möglichkeit, die Richtung des Bogenstrichs zunächst relativ grobmotorisch nur aus der Bewegung des Arms und der gesamten Hand heraus einzuüben. Nur bitte ich Sie, diese Vorgabe nicht als eine allgemeine Regel anzusehen. Für einen differenzierten Bogenstrich ist, sobald die Strichrichtung im Arm einmal eingestellt ist, ein ganz bestimmter Einsatz der einzelnen Finger unbedingt von Nöten. Aber davon ein andermal mehr…

Nebenbei sei hier angemerkt, dass im Laufe der Ausbildung von guten und ausbalancierten Bewegungen am Streichinstrument zunächst immer von den eher grobmotorischen Bewegungen der Arme ausgegangen wird. Sind die Bewegungen so erst einmal gut einstudiert, macht es Sinn, sich um die feineren Bewegungen der Hand und der einzelnen Finger genau zu kümmern. Wir gehen stets vom Groben zum Feinen.

Seien Sie hiermit herzlich gegrüßt

Felix Seiffert

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