Cello beginnen – oder warum Du in C-Dur auf den 2. Finger achten solltest

Der 2. Finger beim Cello

Wenn Du beginnst, Cello zu lernen, wirst Du höchstwahrscheinlich in der Tonart D-Dur Deine erste Übungen und Stücke spielen. Das empfiehlt sich, weil Du damit Deine Greifhand in einer sehr guten Weise in ihre erste Stellung bringst. Hierbei verwendest du noch nicht den 2. Finger.

Du hast dabei diese Fingerfolge angewandt. Die Reihe beginnt mit der leeren D-Saite. Dann folgt der 1., der 3. und der 4. Finger. Wiederholst Du diese Folge auf der A-Saite, hast Du eine vollständige D-Dur Tonleiter gespielt. Mit diesen Tönen kannst Du jetzt schon allerhand anfangen und einiges an Stücken spielen.

Wie geht es weiter?

Jetzt willst Du aber darüber hinaus gehen. Du beginnst eine neue Tonart. Die wird in den meisten Fällen C-Dur sein. Und auf einmal merkst Du: hier gibt es Töne, die Du besser noch gar nicht gegriffen hast. Du wirst zum ersten mal deinen 2. Finger benutzen müssen.
Und dabei bemerkst Du eines: Irgend etwas stört Dich. Vielleicht bemerkst Du, dass dich die Tonhöhe eines bestimmten Tones stört. Du bist aber nicht in der Lage dies richtig zu korrigieren. Welcher Ton stört Dich?

Merkst Du etwas?

Die Sache ist vielschichtig. Wenn wir an die Sache heran kommen wollen, müssen wir sie von verschiedenen Richtungen aus betrachten. Es geht um unser Gehör, um unser Verständnis, und am Ende schlicht um körperliches Training.

Aber sieh Dir doch einmal das Video zu unserem Thema an

Die Sache besteht also aus zwei Ebenen.

Ebene 1:

Deine klare Vorstellung, wie die Töne klingen sollen. Du musst mit der Zeit ein wirklich feines Gehör dafür entwickeln, wie verschiedene Töne zueinander klingen sollen.
Eigentlich ist das nicht ganz richtig, was ich da sage: Ein Gehör hast Du schließlich schon.
Du musst es nur schulen und eine Vorstellung dafür entwickeln, wie die Töne klingen sollen. Sieh einmal hier: „Können Sie hören“

Ebene 2:

Jetzt geht es um die Frage, was Du nun mit Deinen Hörfähigkeiten anfängst. Wie setzt Du das, was Du hörst, auf dem Instrument um? Welche Bewegungen machen Deine Finger um den richtigen Ton zu finden? Und hier sind wir bei der Spieltechnik.

Eines nach dem Anderen:

Fangen wir mit dem Hören an. Du erinnerst dich sicherlich daran, wie wir den Tetrachord auf der D-Saite besprochen haben. Hier ging es darum, ausgehend von der leeren Saite die ersten vier Töne der D-Dur Tonleiter zu spielen.

Du weißt auch noch, dass diese viertönige Tonleiter als letzten Tonschritt einen engen Schritt hatte, den Du mit den Fingern 3 und 4 gespielt hast. Weißt Du noch, wie eng die Finger lagen, als es dann schließlich gut klang?

Dieser Schritt ist der Halbtonschritt, bei dem in der Regel die Finger gar nicht eng genug beieinander stehen können.

Jetzt spiele bitte diesen Tetrachord und höre noch einmal genau hin, wie die Sache klingt. Es ist immer wieder ein guter Tipp, sich in die Warte eines Zuhörers zu versetzten, der vom Cellospiel überhaupt keine Ahnung hat. Höre einfach hin und überlege Dir ob das, was Du da hörst, auch so klingen würde, wenn man es gesungen hörte.

Hast Du dich gut auf dem Tetrachord eingerichtet? Klingt es jetzt schön?

Prima! Denn jetzt wird die Sache spannend.

Wir versetzen die Sache. Wir spielen diesen Tetrachord um einen Ton tiefer.

Wie das geht?

Du beginnst mit dem c, gespielt vom 4. Finger auf der G-Saite.
Der nächste Ton (einen Ganzton höher gelegen) ist die leere D-Saite.
Der dritte Ton ist das e. Er liegt wieder einen Ganzton höher. Du spielst ihn ganz einfach mit deinem 1. Finger auf der D-Saite.
Und nun kommt der Halbtonschritt, der, der ja bekanntlich der letzte Schritt eines Dur- Tetrachords ist. Für diesen vierten Ton f, der jetzt folgt, brauchst Du den 2. Finger.

Für einen Anfänger ist diese meist der erste Kontakt mit dem 2. Finger. Du brauchst ihn, weil Du vom 1. Finger ausgehend einen Halbtonschritt nach oben gehen willst.

Spiele den neuen Tetrachord mit dem 2. Finger

Jetzt spiele den Tetrachord und höre möglichst unbefangen hin. Hört sich dieser Tetrachord jetzt ebenso schön an, wie der in D-Dur, den Du vorhin so klangschön hinbekommen hast?

Lass mich raten: Der Halbton klingt zu „groß“. Die Finger, die den Halbton spielen sollen, stehen zu weit auseinander. Hab ich Recht?
Es wäre jedenfalls nichts Neues, wenn genau das passiert. Es liegt zunächst an den natürlichen Gegebenheiten unserer Hand.

Wenn Du Deine Hand ausschüttelst und, ohne die Finger irgendwie zu bewegen, hängen lässt, wirst Du merken, dass die mittleren beiden Finger etwas enger beieinander stehen, als die Übrigen. Das ist einfach eine anatomische Gegebenheit, dass diese beiden Finger zuerst näher stehen und dann auch in ihrer Beweglichkeit nicht ganz voneinander unabhängig sind.

Und aus diesem Grund stellt sich der 2. Finger fast unweigerlich etwas zu hoch auf, wenn Du ihn auf dem Cello einsetzt.

Um ihn an seinen richtigen Platz zu bringen musst Du einiges an Willenskraft einsetzen und auch etwas Training.

Lass uns daher eine Vorübung für den 2. Finger machen:

Stelle zuerst den 1. Finger und den 2. in der ersten Lage ganz normal auf.
Jetzt beginnst, Du, den 2. Finger zu verschieben, und dabei den 1. Finger auf seinem Platz stehen zu lassen. Sieh einmal, wie weit sich der 2. Finger vom 1. entfernen kann. Danach sieh zu, wie dicht Du ihn an den 1. Finger heran ziehen kannst. Beim Verrutschen lass bitte den 2. Finger immer die Saite nieder halten. Man sollte einen Ton hören können, der wie eine Sirene hinauf und hinunter gleitet.

Funktioniert es?

Dann wollen wir es gleich mit der nächsten Stufe probieren. Stell den 2., den 3. und den 4. Finger auf das Griffbrett.
Jetzt verschiebst du den 2. Finger und lässt dabei den 3. und 4. stehen. Du merkst schon: diese Übung ist einiges schwieriger als die Erste. Der 2. Finger lässt sich jetzt nicht mehr so leicht bewegen. Das liegt an der mangelhaften Unabhängigkeit des 2. und des 3. Fingers. Der Sinn und Zweck der Übung ist es jetzt aber, den Bewegungsspielraum für den 2. Finger zu erweitern. Trainiere es!

Und der Schluss der Übung: versuche es jetzt mit allen 4 Fingern.

Stelle 1,. 2., 3. und 4. Finger auf das Griffbrett und verschiebe den 2. Finger möglichst nah zum ersten Finger hin. Danach schiebe ihn zurück zum 3. Finger. Wiederhole diesen Vorgang immer wieder. Du wirst sehen, dass Du Deinen 2. Finger eine Unabhängigkeit antrainierst, die Du zuvor nicht geahnt hast.

Probiere erneut den Tetrachord

Und wenn Du dieses Training absolviert hast, probiere doch noch einmal den Tetrachord zu spielen, den wir oben angelegt haben. Den Tetrachord ausgehend vom c (mit dem 4. Finger auf der G-Saite gegriffen).
Merkst Du, wie die Sache auf einmal sauber klingt? Jetzt hast Du es bewältigt.

Und an dieser Stelle erklärt sich auch die Frage, in welcher Tonart wir in die Lage kommen, den 2. Finger benutzen zu müssen. Es ist die Tonart C-Dur.

Spiele noch einmal deinen Tetrachord ausgehend vom 4. Finger. Du spielst hier die Töne: c – d – e – f
Und jetzt wiederholst Du den Tetrachord, diesmal ausgehend vom 4. Finger auf der D-Saite. Nach diesem Ton wechselst Du auf die A-Saite und spielst die leere Saite, dann wieder mit dem 1. und dann mit dem 2. Finger.

So spielst Du diesen Tetrachord genau zwei mal.
Merkst Du, das geht im Prinzip genauso wie in D-Dur. Dort haben wir auch das gleiche Griffschema auf zwei Saiten angewandt.
Und schon hast du die Tonleiter in C-Dur gespielt. Die zweiten vier gegriffenen Töne heißen: g – a – h – c’

Und ich kann Dir eines sagen. Mit diesen beiden Griffschemen, (D-Dur und C-Dur Tetrachord) und der Kombination dieser beiden auf allen vier Saiten, weiß ich sofort mindestens 30 Stücke, die Du spielen kannst.

Fazit:

C-Dur ist die zweite Tonart, die Du auf dem Cello lernen solltest. Außer der Erfahrung, dass das System „Dur“ für Dich an den verschiedensten Stellen erfahrbar ist, trainierst Du hiermit auch den 2. Finger und stellt Deine Hand darauf ein, dass sie feinfühlig die genaue Tonhöhe der Töne einstellt.

Viel Erfolg mit dieser Erweiterung Deines Tonumfangs und viel Freude beim Musizieren wünscht Dir

Felix Seiffert

4 Kommentare

  1. Guten Abend Felix,

    vielen Dank für Ihre schnelle Antwort! Das klingt sehr beruhigend ;-). Dann werde ich also munter weiterüben und immer wieder über den Tellerrand hinaussehen, ohne mich beunruhigen zu lassen, und den Perfektionismus ein wenig herunterschrauben ;-X.

    Alles Gute, schöne Grüße und ganz viele Leser der tollen Seite weiterhin

    Birgit

  2. Birgit

    Lieber Herr Seiffert,

    Dankeschön für diesen interessanten Artikel, auf den ich über den Newsletter zur Pflege des Cellos gestoßen bin. Auch dieses Thema war so anschaulich erklärt, dass ich mich endlich getraut habe, die bereits angeschafften Pflegemittel auch beherzt anzuwenden, bislang hatte ich immer Sorge, das schöne Instrument zu beschädigen. Jetzt erglänzt es in neuer Pracht und die Saiten sind wirklich leichter zum Schwingen zu bringen ;-)!

    Zu diesem Artikel hätte ich eine Grundsatzfrage: Da mein sehr erfahrener Lehrer nach der Suzuki-Methode unterrichtet, habe ich vieles bisher rein intuitiv erlernt, durch kurzes Zeigen und Erklären und danach Imitieren. Das hat den großen Vorteil, dass man recht schnell nette Stücke spielen kann und dadurch natürlich sehr motoviert ist. Allerdings bin ich ein sehr systematisch und kognitiv veranlagter Lerntyp (leider), und fange oft im Nachhinein zu überlegen an, ob das eigentlich alles so richtig ist, wie ich das mache, und – schwupps – es geht nicht mehr gut … (Bsp. weite Lage).

    Zudem übe ich parallel mit dem Lehrgang von Volker Länging, wo ja alles sehr exakt erläutert und ganz allmählich aufgebaut wird. Oft erschrecke ich dann beim nächsten Kapitel und denke: „Oje, das hättest Du ja ganz anders anfangen sollen, hoffentlich hast du nicht schon zu viel vermasselt …“. Dann weiß ich auch nie so recht, wann ich weitergehen soll (das wird mir größtenteils selbst zur Entscheidung überlassen), denn wirklich zufrieden bin ich nie damit, wie ich ein Stück spielen kann, es ist immer meilenweit davon entfernt, wie ich es mir vor meinem inneren Ohr vorstelle. Es gibt da so viele Details (klanglich, technisch, musikalisch …) !!

    Natürlich werde ich im Unterricht laufend korrigiert, aber mich würde interessieren, wie sie zur Suzuki-Methode stehen bzw. grundsätzlich zum Verhältnis zwischen intuitivem und kognitivem Lernen (gerade bei erwachsenen Schülern).

    Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort, auf die ich sehr gespannt bin.

    Einen sonnigen Frühling noch und viele Grüße

    Birgit

    • Birgit

      Pardon, der erwähnte Lehrgang stammt natürlich von Folkmar Längin :-X …

    • Felix Seiffert
      Felix Seiffert

      Hallo Birgit,

      vielen Dank für Ihren umfangreichen Kommentar.

      Zum Thema Suzuki: Die Methode von S. Suzuki wird gerne bei sehr kleinen Kindern angewandt und dort gent natürlich vieles über das Nachmachen und das Verständnis stellt sich über das Tun ein. Die Vorgehensweise am Instrument ist in etwas vergleichbar mit der Rolland Methode, sodass ich sie auch bei Erwachsenen voll und ganz unterstützen kann.

      Wir Erwachsenen wollen aber gerne immer etwas tiefer hinter die Sache schauen und hinterfragen gerne. Das haben Sie oben ja erwähnt.

      Eines muss ich dazu aber sagen. Wenn wir etwas neues lernen, werden wir nie zur vollkommenen Zufriedenheit alles richtig machen. Das können wir gar nicht. Von daher ist es völlig ok, an anderer Stelle zu schauen, wie es beispielsweise eine andere Schule erklärt. Wenn wir das aber dann nicht so machen, wie in der anderen Schule erklärt, ist das niemals so, dass wir unser gesamtes Tun hinterfragen müssen.

      Wir sehen in der anderen Schule nur einen anderen Teilaspekt, der die Sache noch einmal von anderem Licht her zeigt. Versuchen Sie dies immer als Ergänzung zu sehen. Ich habe heute auch noch immer neue Erkenntnisse an den einfachsten Dingen. Ich wende sie an und erfahre dabei Neues. Aber ich habe deswegen nie das Gefühl, dass vorher alles falsch war.

      Nein, die Sache verfeinert sich.

      In sofern: Sie machen es genau richtig. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn die weite Lage auf einmal ganz andere erklärt ist. Bei mir im Intnesivkurs würden Sie eventuell wieder eine andere Sichtweise kennen lernen.

      ganz herzliche Grüße

      Felix Seiffert

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