Beweglichkeit beim Geigen? – 4 Übungen trainieren sie

Kennst Du das? Du übst seit Monaten auf Deiner Geige und bestimmte schwere Stellen bringen Dich immer wieder zur Verzweiflung. Geht so Beweglichkeit?

Deine Finger fühlen sich fest an und Du hast das Gefühl, Du müsstest mit einem enormen Kraftaufwand die Steifheit Deiner Finger überwinden.

Das ganze Instrument fühlt sich schwer an, und Du selbst verkrampfst dich schon beim Ausführen einfachster Stücke und Übungen. Von Beweglichkeit keine Spur!

Ja, wir alle kennen das, es kommt mitunter vor.

Hier ist ein wenig Rückbesinnung erforderlich, was wir da eigentlich machen.

Beweglichkeit im Arm

Bist Du Dir bewusst, dass du dich speziell bei der Geige und der Bratsche in gewisser Weise in einem Randbereich Deiner Beweglichkeit aufhältst?

Mach dir einmal klar, wie sehr Du Deinen linken Greifarm verdrehen musst, um zu der Spielposition der Hand zu kommen. Verdrehe einmal deinen Arm ohne Instrument. Und dann verdrehe ihn noch weiter in die gleiche Richtung.

Merkst Du etwas?

Ja, genau! Viel weiter geht es nämlich gar nicht mehr.

Das ist es, was ich meine. Du kommst bei Deiner Tätigkeit in den Randbereich deiner Beweglichkeit, und spürst eine gewisse Spannung.

Nun neigen wir Menschen dazu, in unbequemen Situationen das, was wir tun möchten, mit Kraft umzusetzen. Wir möchten im Grunde aus dieser Situation heraus, und versuchen mit Kraft, das, was wir noch erledigen wollen, durchzuführen.

Und dann spannen wir unsere Gliedmaßen noch mehr an und verstärken letztlich sogar den Spannungseffekt. Wir zurren gewissermaßen unsere Arme und Finger fest damit sie noch ein klein wenig in dieser unbequemen Haltung bleiben. Dabei büßen wir aber unsere leichte Beweglichkeit ein.

Sehr effektiv klingt das nicht, gell?

Es ist aber so, dass uns das fast unweigerlich passiert, wenn wir nicht aufpassen.

Wäre es daher nicht viel besser, wenn wir anhand von leichten Bewegungen zunächst einmal sehen, zu was unser Arm alles in der Lage ist? Vielleicht ist es ja so dass die Spielhaltung des Greifarms doch nich ganz so sehr verspannt sein muss.

Aus diesem Grunde will ich Dir heute 4 Übungen zeigen, die Dir den Bewegungsraum für Deinen linken Arm und Deine linke Hand öffnen können.

Übung 1

Dein linker Arm sollte schon in der Schulter beweglich sein, und das obwohl Du auf der Schulter die Geige oder Bratsche trägt. Das scheint zunächst nicht selbstverständlich.

Voraussetzung für diese Übung ist es daher, dass Deine Schulterstütze und Dein Kinnhalter optimal auf Deine Anatomie eingestellt sind.

Du solltest die Geige zwischen Schulter und Kinn halten können, ohne dabei die Schulter hoch zu ziehen, oder mit dem Kinn aktiv auf die Geige drücken zu müssen. Für das Halten der Geige reicht das Eigengewicht des Kopfes aus, der sich mit dem Kinn auf die Schulterstütze legt. Nur so kannst du Deine Schulter in freie Beweglichkeit bekommen.

Mache jetzt folgende Übung:

Du hältst Deine Geige, sicherst sie aber dagegen ab, dass sie bei der Übung hinunter fallen kann. Dazu hältst Du die Geige zusätzlich mit der rechten Hand am rechten unteren Bügel.

Viele Verkrampfungen entstehen auch aus der Angst heraus, das Instrument könnte aus den Händen fallen. Daher die Sicherung; Du fühlst Dich einfach freier.

Wenn Du nun so das Instrument hältst, dann klopf Dir doch einmal selbst freundlich mit der linken Hand auf Deine rechte Schulter. Greife unter der Geige hindurch und klopfe Dir auf die Schulter. Du hast es verdient. Du förderst gerade die Beweglichkeit deines Armes, der so viel zu tun hat beim Geigenspiel.

Du kannst auch gerne einmal versuchen, verschiedenste Tätigkeiten mit dem linken Arm auszuführen, wenn Du dabei die Geige hältst. Beispielsweise könntest Du einmal an eine Tür klopfen, oder jemandem die (linke) Hand geben. Dir fällt bestimmt noch einiges anderes ein, was Du tun kannst.

Merkst Du, wie Dir das Halten der Geige immer selbstverständlicher wird. Es soll Dich nicht belasten, die Geige auf dem Arm zu haben.

Kommen wir zu einer weitern Übung:

Übung 2

Jetzt wollen wir Deine Beweglichkeit austesten. Halte die Geige wieder wie oben beschrieben mit Deiner Sicherung durch die rechte Hand.

Schwinge jetzt mit dem hängenden linken Arm unter der Geige.

Und nun machst Du einen etwas größeren Schwung, und greifst um die Geige herum, so als würdest Du in einer sehr hohen Lage greifen wollen. Die Lage ist aber ganz egal, denn Du klopfst nämlich mit Deinen Fingern aus Deiner Sicht links vom Griffbrett auf die Decke Deines Instrumentes. Ja, die Stellung ist außergewöhnlich. Du bringst mit diesem lockeren Klopfen auf leichte Art Deinen Arm in eine Stellung die so weit gedreht ist, wie sie beim Geigen eigentlich gar nicht mehr vorkommt. Das ist der Sinn der Übung.

Nebenbei: Du solltest Dir vor dieser Übung die Fingernägel schneiden. Der Lack auf deiner Geigendecke wird es Dir danken. Man klopft schon leicht einmal einen Kratzer auf die Decke, wenn die Nägel zu lang sind.

Mache diese Übung einige Male und versuche dann, etwas ganz Normales auf der Geige zu spielen. Merkst Du, wie die Übung wirkt?

Übung 3

Hast du jetzt erfahren, wie sehr sich Dein Arm verdrehen kann, dann kannst du ihn auch locker unter dem Hals des Instrumentes in Spielhaltung schwingen lassen.

Dazu nimmst du Deinen kleinen Finger (den schwächsten!) und zupfst mit ihm der Reihe nach über alle vier Saiten. Du fängst mit der tiefsten Saite an und ziehst den Finger über alle vier Saiten. Dabei wird Deine Hand vom schwingenden Ellbogen geführt.

Zunächst lässt du Deinen Ellbogen wieder sehr weit unter der Geige durchschwingen, ähnlich wie bei der letzten Übung. So erreicht Dein kleiner Finger mühelos die tiefste Saite. Und dann lässt du ihn unter der Geige durchschwingen. Mach diese Übung etwas 10 Mal hintereinander. Das wird Deiner Beweglichkeit gut tun.

die Übung ist aber noch nicht fertig:

Lege nun alle Finger auf eine der mittleren Saiten und schiebe die Hand auf der Saite zu Dir hin. Diese Bewegung ist eine ausgiebige Lagenwechselbewegung. Ganz natürlich machst Du sie, wenn Du dir vorstellst, Du putzt mit einem Tuch die Saiten. Versuche möglichst weit zu kommen, bis zu der Stelle wo das Griffbrett aufhört. Merkst Du, wie auch jetzt wieder Dein Ellbogen weit unter dem Instrument durchschwingt?

Schwinge auf diesem Weg auch öfters hin und her. Dein Arm soll ganz beweglich werden.

Und jetzt kommt die Kombination:

Du zupfst wieder wie oben besprochen alle Saiten. Du benutzt dazu die Normalstellung der Hand. Nennen wir sie einmal die tiefe Lage.

Danach putzt Du die Saiten mehrmals hin und her und bleibst in einer Stellung stehen, in der der Daumen in der Halsbeuge steht. Nennen wir diese Stellung einmal die „mittlere Lage“.

Und jetzt zupfst Du wieder dieser Stellung.

Danach putzt Du wieder Saiten, landest in der unteren Lage ….

und so weiter.

Tut es gut?

In allen drei Übungen haben wir uns um die Befreiung des ganzen Arms gekümmert. Du hast schon gemerkt, dass es hauptsächlich um die Beweglichkeit des Oberarms ging.

Kümmern wir uns aber in der vorläufig letzten Übung darum, Finger und den Daumen beweglich zu halten und nicht gegeneinander pressen zu lassen.

Übung 4

Du stellst alle vier Finger in Deiner ganz normalen Handstellung (meist ist das die erste Griffart) auf einer Saite auf. Nun geht es darum, dass Dein Daumen nicht gegen die Finger presst.

Versuche ihn daher, 4 mal gegen den Hals an seiner Stelle zu klopfen.

Jetzt stelle den Daumen am Hals wieder auf. Klopfe nun mit allen vier Fingern gleichzeitig auf die Saite. Spüre dabei, wie die Finger federnd aufklopfen. Auch sie pressen nicht

gegen den Daumen, sondern federn gleich wieder von der Saite ab.

Jetzt kommt wieder der Daumen dran.

Danach eine Kombination von Fingern, zum Beispiel 2 und 3.

Dann wieder der Daumen.

Und so kannst Du beliebige Kombinationen von Fingern ausprobieren. Versuche es auch mit einzelnen Fingern. Du wirst sehen dass sich Deine Hand insgesamt beweglicher anfühlt als vorher.

Am Ende möchte ich Dich noch auf einen früheren Artikel aufmerksam machen, der dich die Betrachtung von Haltung am Instrument noch tiefer einführt.

Leichtigkeit am Instrument – so findest Du sie

Fazit:

Beim Geigen oder Bratsche Spielen kann es leicht dazu kommen, dass Du Dich verspannst. Durch eine zunächst unbequeme und fixierte Haltung kann Deine Beweglichkeit eingeschränkt sein, wenn du nicht durch Übungen Deinen Bewegungsraum ausdehnst.

Dieses mal ging es nur um Deine Beweglichkeit in Deiner Greifhand und Deinem Greifarm. In einem weiteren Artikel werde ich Dir noch einiges zeigen, was Du für Deine Mobilität im Bogenarm tun kannst.

Bis dahin alles Gute

Felix Seiffert

8 Kommentare

  1. Avatar

    Viele vielen Dank für diese tollen Übungen….
    Ich hatte immer Probleme das mein kleiner finger zu kurz war und ich somit total verkrampfte in der Hand so das nichts mehr funktionierte und natürlich auch kein Spaß mehr an der Geige hatte mit diesen Übungen hat sich das Problem sofort verabschiedet (der „aha“ efekt war riesig)
    Ich mache die Übungen jetzt jedesmal vor und nach dem üben und ich merke wie mein Spiel mit jedemmal besser wird.
    Also nochmal vielen vielen dank

    • Avatar

      Hallo Lisa,

      na das freut mich sehr, dass die Übungen wirklich etwas bringen. Vieles muss man einfach trainieren. solche Dinge mit der Beweglichkeit der Hand stellt man in der Regel nicht ein für alle mal her. Nein, sie brauchen immer wieder die Pflege. Und wenn Du immer wieder mal dran gehst ist das nur gut.

      ganz herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  2. Avatar
    Jan Schuster

    Hallo Herr Seifert,

    was mir extrem lockere Finger vor dem Spielen verschaft ist, dass ich meinen Fingertrainer für beide Hände benutze.
    Meine Arme dähne ich noch hinter dem Rücken.
    Wie Sportler muss man sich warm machen.

    liebe Grüße

    Jan Schuster

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    Constantin

    Ich hab oft Schwierigkeitrn auf meiner Bratsche meine Hand lockerzulassen, dank dieser Tipps funktioniert es schon viel besser!
    Vielen Dank für diese wundervollen Tipps 🙂

    • Avatar

      Hallo Constantin,

      Aber gerne! die große Bratsche kann einem auch schon mal schwer werden. Das kenne ich. Generell würde ich Dir empfehlen, bestimmte Griffe immer wieder in der „Gitarrenhaltung“ zu probieren. Du hältst die Bratsche wie eine Gitarre vor der Brust und kannst so viel entspannter Deine Griffe einprägen. Du bekommst so zunächst leichter das Gefühl für den Abstand der der Finger untereinander.

      Und dann probierst Du es wieder in Spielhaltung. Hilft das?

      herzliche Grüße

      Felix Seiffert

  4. Avatar

    Lieber Felix,

    leider muss ich meine Frage nach dem Notenbuch auf dem die Uebungen der letzten Wochen aufgebaut sind, hier wiederholen, obwohl es nichts mit den Entspannungsuebungen zu tun hat.
    Wo kann ich diese Noten bekommen?

    Herzliche Gruesse

    C

  5. Avatar
    Sebastian Christ

    Das Problem mit der angespannten Hand kenne ich auch, besonders problematisch wird das auch später beim handgelenkvibrato. Neben diesen Übungen kann ich auch simple movblisationsübungen für das handgelenk und die Finger empfehlen, dafür braucht man nicht einmal ein Instrument.

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      Vielen Dank für den Beitrag.

      Generell könnte man auch sagen, dass es immer gut ist, beim Greifen nur einen kleinen Bruchteil der Kraft zu brauchen, die man zur Verfügung hat. Von daher generelle Mobilisationsübungen auf jeden Fall.

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